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„Die Geschichte muss der Nukleus sein“ – Tyron Ricketts im Interview

11. Dezember 2020

Wo setzt echter Wandel an und wie macht man ihn spürbar? Tyron Ricketts, CEO der Produktionsfirma Panthertainment, im Interview über den Stand der Debatte in Deutschland.

 

In einer Reihe von Artikeln und Interviews werden wir das Thema der Vielfalt im seriellen Erzählen aus verschiedenen Blickwinkeln aufgreifen und mit jeweils verschiedenem Fokus beleuchtet, um eine Momentaufnahme im Jahr 2020 und darüber hinaus zu liefern. Wo steht Deutschland in dieser Debatte und im internationalen Vergleich? Wie bildet sich Diversität in anderen Teilen des zunehmend globalisierten Serienmarktes ab? Welche Auswirkungen hat dies auf die Produktionslandschaften und dies daraus hervorgehenden Stoffe?

 

Aus gegebenem aktuellem Anlass macht den Anfang hier der Blick nach Deutschland – genauer auf die Selbstverpflichtung der UFA, die bis 2024 mehr Diversität vor und hinter der Kamera Wirklichkeit werden zu lassen. Eines der erklärten Ziele hinter der Selbstverpflichtung: die Vielfalt der Gesellschaft abzubilden, um Inklusion und Toleranz zu leben.

 

Gerhard Maier, Künstlerischer Leiter von Seriencamp Conference und Festival hat sich mit Tyron Ricketts, CEO der Produktionsfirma Panthertainment über die Rolle und Verantwortung der Filmbranche und ihrer Storyteller unterhalten: Warum sind grundsätzliche strukturellen Veränderungen so wichtig? Und wo müssen sie beginnen? 

Wenn man sich die Nachrichten des Sommers vor Augen führt – die Black Lives Matter-Proteste in den USA und die daraus folgende Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen: Wie ist das Verhältnis zwischen den Ereignissen dort und der Debatte der letzten Monate hier in Deutschland? 

Tyron Ricketts : Man darf die Entwicklungen in den USA nicht getrennt sehen, von dem was hier in Deutschland passiert: Durch die globale Vernetzung in der Art wie und mit wem wir kommunizieren, sind die Auswirkungen von #metoo und #blacklivesmatter auch bei uns spürbar: Das baut Druck auf und sorgt für Diskussionen und Veränderungen im Bewusstsein des Einzelnen. Aber auch für Veränderungen in grundsätzlichen strukturellen Fragen. 

Wichtig – und neu seit diesem Sommer – ist das Verständnis, dass man auch in Deutschland rassistisch und diskriminierend sein kann, ohne dass eine Intention dahintersteht. In Deutschland war man ein Rassist, wenn man Nazis gewählt hat oder wenn man sich anti-semitisch geäußert hat. Wenn sich jemand über Asiaten lustig gemacht oder das N-Wort benutzt hat, „…aber es ja nicht so meint“, dann war die Empörung oft groß, wenn jemand sagte, dass sei rassistisch.

Dieses Umdenken hat auch Einfluss auf die Filmbranche – die ist in Deutschland zum größten Teil von homogen weißem Bildungsbürgertum geprägt. So sieht dementsprechend auch das Programm aus, das gemacht wird. 

Ist es deshalb wichtig, vor und hinter der Kamera für mehr Diversität zu sorgen, um Programme zu erhalten, mit der die Vielfalt der Gesellschaft besser abgebildet wird? 

Tyron Ricketts: Film und Fernsehen hat hier eine Schlüsselrolle. Zum einen auf Grund des Blicks auf die Vergangenheit, weil bestimmte Stereotype und Klischees wiederholt und unterstrichen wurden. Zum anderen im Blick auf das Jetzt, auf die Gegenwart, bei der Frage ob sich bestimmte Gesellschaftsteile inhaltlich und zahlenmäßig repräsentiert fühlen – wir sind schon sehr viel diverser, als es die deutsche Film- und Fernsehlandschaft darstellt. Und zuletzt im Blick auf die Zukunft, um ein Leitbild zu zeichnen, wie wir alle friedlich zusammenleben können.

Geschichten sind der Grundstein unserer Realität: Alles woran wir glauben, ist eine Geschichte. Je besser eine Geschichte erzählt wird, umso mehr Leute glauben daran. Historisch begründete rassistische Blickwinkel, gegen Frauen und marginalisierte Gruppen diskriminierende Blickwinkel, entstehen durch eine Geschichte, die erzählt wird. Der beste Ausweg aus dieser Situation ist, die Geschichten zu verändern, die erzählt werden – auch weil sich die Zeit verändert hat!  

Studien zeigen ja auch, dass das Programm internationaler Streamer diverser ist, als das Programm des linearen Fernsehens – und scheint auch bei einem jungen Publikum besser anzukommen. Wo muss man hier eventuell ansetzen?  

Tyron Ricketts : Die Streamer sind – da sie ja Inhalte produzieren, die auf der gesamten Welt ein Publikum finden sollen – hier sehr viel weiter in ihrem Verständnis als das klassische Fernsehen: Wenn ich ein diverseres Publikum ansprechen will, muss ich auch diverse Geschichten erzählen.  

Hier stellt sich auch die Frage, wie Qualität gemessen wird im deutschen Fernsehen. Das Quotenerfassungssystem scheint hier veraltet:  Bis vor kurzem waren das 5.500 Haushalte, in denen der Hauptverdiener muttersprachlich deutsch sein muss – das heißt eher ein älterer weißer Mann – und in denen nur am Hauptgerät gemessen wurde. Wenn die so erfassten Quoten die Währung sind für gutes Programm, sollte klar sein, dass das an der Bevölkerung vorbei entsteht. Bei 25 Prozent Migrationshintergrund allgemein, bei bis zu 50 Prozent bei den Jüngeren, stellt sich dann die Frage, ob man sich nicht unter- und missrepräsentiert fühlt.

Was sind hier Ansatzpunkte, um ein Umdenken zu fördern? Muss man strukturelle Probleme bereits früher ­– beispielsweise in der Schule – in Angriff nehmen?

Tyron Ricketts: Es hilft wenig, wenn man jungen Menschen in der Schule sagt, dass sie Drehbuchautor*innen oder Schauspieler*innen werden können, wenn dann der Markt keinen Bedarf für sie hat. Das war bisher so: Viele Schauspielschulen haben Menschen, die nicht aus dem Mainstream stammten, eher nicht genommen. Oder Agenturen, die sagen „Wir haben schon eine Türkin“. Es gibt deshalb nicht den einen Ort, an dem man ansetzt und dann wird alles besser – die strukturellen Veränderungen müssen in allen Gewerken stattfinden.

Die Geschichte muss der Nukleus sein – wenn diverse Geschichten erfolgreich laufen in Film und Fernsehen, hat das direkte Auswirkungen auf die Wahrnehmungen. Wenn sich das wirtschaftlich lohnt – und die Zahlen zeigen ja, dass das der Fall ist – wird plötzlich Platz gemacht für Drehbuchautor*innen und Darsteller*innen mit anderen Kulturerfahrungen. Wir müssen mehr Geschichten sehen, in denen Diversität Normalität ist. 

In der gesamten Wertschöpfungskette müssen sämtliche Formen von Diversität stattfinden – also nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter müssen wir diverser werden. Angefangen bei Autor*innen über Redaktionen und Produktion bis hin zu Kamera und Make-Up. Erst wenn die gesamte Wertschöpfungskette diese Diversität wiederspiegelt, zeigen die Filme und Serien, die daraus hervorgehen, die tatsächliche Vielfalt unserer Gesellschaft.

 Ich danke ihnen für das Gespräch, Herr Ricketts!

 

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