Interview mit Gerhard Maier

19. Oktober 2019

Wie viele Serien hast Du für die diesjährige Ausgabe des SERIENCAMP FESTIVAL gesichtet? Der Auswahlprozess kann recht langwierig sein, dieses Jahr war er umfangreicher als jemals zuvor: Etwas über 300 Serien sammeln sich bis einige Monate vor dem Festival an, die dann aus verschiedensten Gründen auf eine Auswahlliste von knapp 80 Titeln zusammenschrumpfen. Einen ersten Eindruck habe ich zu dem Zeitpunkt von circa 150 Serien – oft aber auch nur in Trailern, Ausschnitten oder Pilotfolgen. Viele fallen dann durch das Raster, weil entweder das Startdatum nicht passt oder die Serie sich nicht in das Konzept des Programms fügt. Insgesamt sind es dann rund 400 Stunden reine Recherche- und Sichtungsarbeit, die in das diesjährige Programm geflossen sind.   Wie hat sich die Serienlandschaft in den letzten fünf Jahren verändert? Welche Veränderungen gab es in der Branche und wie macht sich das in den Produktionen bemerkbar? Die Veränderungen sind enorm! Sowohl in Hinsicht auf die schiere Menge an Serien, die um die Gunst des Publikums buhlen, als auch mit Blick auf die zunehmende Differenzierung und Aufsplittung des Angebots entlang von Genres, Sehgewohnheiten und Publikumsstruktur. Die Geschwindigkeit, mit der sich Serien im Fahrwasser der Streaming-Revolution der letzten Jahre zur primären Erzählform entwickelt haben, überrascht aber doch etwas. Die Veränderungen der Branche sind dementsprechend groß, auch wenn ich der Meinung bin, dass viele der radikaleren Transformationen noch anstehen, wenn jüngere Generationen mit neuem Medienkonsumverhalten in der Mehrheit sind. Wie sich diese Veränderungen äußern, zeigt sich bereits heute in der Anzahl und Ausrichtung lokaler Serien. Die sind visuell, erzählerisch und thematisch vergleichsweise frischer als noch vor einigen Jahren – auch wenn ich mir als Vielseher an manchen Stellen noch etwas mehr Profil und Kantigkeit wünschen würde.   Welche Länder und Regionen sind gerade besonders spannend und warum? Welche Themen sind dieses Jahr besonders wichtig? Das kommt ganz auf die Perspektive und den Fokus an: Ost- und Südosteuropa empfinde ich als spannend in Hinblick darauf, dass der dortige Serienboom tolle Projekte hervorbringt, die scheinbar erst allmählich auch anderswo wahrgenommen werden. Besondere Highlights sind SUCCESS aus Kroatien und HIDE AND SEEK aus der Ukraine. Die Entwicklung in Spanien ist ebenfalls bemerkenswert, besonders in der Art wie lokale Serien mit ganz eigenem und unverwechselbarem Flair entstehen. Generell aber ist es Europa als Ganzes, das mit seiner Vielfalt an Erzähltraditionen, kulturellen Eigenheiten und sehr unterschiedlichen Produktionen – auch und gerade im Gegensatz zur US-amerikanischen Serienvormacht – viele Überraschungen bereithält. Für mich persönlich sind die größten Entdeckungen des Jahres aber chinesische Vertikal-Serien: In ihrer Kürze, in ihrer dem Anime und Manga entliehenen Bildsprache sowie dem rasanten Erzähltempo abseits ausgelatschter Serienpfade betreten diese Serien komplett neues Terrain. Einige Titel davon gibt es in der Storybooth in der Lobby der HFF zu entdecken!   Musstest Du für eine Produktion besonders kämpfen? Intern ja, das gehört dazu, dass hier verschiedene Vorlieben und Geschmäcker aufeinandertreffen. Besonders MR. INBETWEEN haben wir heiß diskutiert. Aber allein aufgrund unser sehr limitierten Screeningslots muss ich mich da unweigerlich von einigen Lieblingen trennen. Da müssten wir dann auch eine Woche Festival ansetzen, um diese Auswahl komplett unterzubekommen. Oft liegen die schwierigsten Herausforderungen aber nicht darin, sich zu entscheiden, sondern überhaupt erst einmal den richtigen Ansprechpartner zu finden. Besonders bei großen internationalen Medienunternehmen und Firmen ist das nicht einfach und wirft früh auch Serien aus dem Rennen, die für mich Favoritenstatus hätten.

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