Leftovers Season 3 Key Art

The Leftovers - Staffel 3

Apocalypse Now!

Die Serie von „Lost“-Showrunner Damon Lindelof und Bestsellerautor Tom Perrotta hat in Sachen Rezeption viel mit ihren Figuren gemein: Es gibt die Ungläubigen bzw. „Guilty Remnants“, die rauchend und in weißen Klamotten auf der Straße stehen und ihr die Unsinnigkeit ihres Treibens und die nicht von der Hand zu weisende Tristesse vorhalten. Dann sind da die fanatischen Glaubensanhänger, für die „The Leftovers“ zu Krone mindestens des Serienschaffens der letzten Jahre gehört. Und schließlich sind da noch die Konvertiten, die erst im Laufe des Geschehens – nämlich mit der von Kritikern hymnisch gefeierten zweiten Season – in den eigentümlichen und hypnotischen Flow der Serie gefunden haben. Ich würde mich zu den Anhängern zählen, deren Interesse für eine zu Beginn zumindest starke Serie sich im Verlauf der zweiten Staffel in rückhaltlose Begeisterung gewandelt hat. Gemischt mit einer gewissen Grundtraurigkeit darüber, dass der HBO-Sleeperhit schon jetzt in eine mit apokalyptischem und biblischem Vokabular angekündigte finale Season geht: Das Ende ist nah – und viel zu schnell wieder vorbei!

Leftovers Still

(Mild spoilers ahead!)

Dabei steht die Apokalypse bereits am Anfang der ersten Season, die sich noch eng an die Vorlage von Tom Perrotta hielt und mit einer unerklärlichen Katastrophe beginnt. Von einer Sekunde auf die andere verschwinden hier zwei Prozent der Weltbevölkerung buchstäblich ins Nichts – aus Kindersitzen, vom Essenstisch, der Straße, dem Bett, sogar aus dem Mutterleib. Zurück bleiben von Trauer, Selbstvorwürfen und religiösen Zweifeln zerrissene 98 Prozent, die sich als „The Leftovers“ mit Fragen nach dem Warum und Wohin auseinanderzusetzen haben. Handelte es sich bei der kosmischen Katastrophe gar um die biblische Berufung einer von Gott ausgewählten Minderheit ins Paradies? Vor diesem Hintergrund lassen Lindelof und Perrotta eine seltsam entrückt wirkende kleinstädtische Welt entstehen, in der sich nicht nur neue Glaubensrichtungen (u. a. die Guilty Remnants) herausgebildet haben, sondern sogar Industriezweige, die Replika der Entrückten direkt ins heimische Wohnzimmer zurückbringen können. Prototypisch vorgelebt wird diese gesellschaftliche Zerrissenheit von Sheriff Kevin Garvey (Justin Theroux) und seiner – vorsichtig ausgedrückt – dysfunktionalen Familie: Sein Vater (Scott Glenn) befindet sich in der Geschlossenen Anstalt, weil er seit dem Ereignis unerklärliche Stimmen vernimmt. Seine Frau hat die Familie für die Guilty Remnants verlassen, Stiefsohn Tommy hat sich einem der zahlreichen Gurus angeschlossen und Tochter Jill beginnt, sich zunehmend von ihm abzukapseln. Zwischen den verstörenden Aktionen der Sekte, dem religiösen Eifer des örtlichen Pfarrers Matt (Christopher Eccleston) und zunehmend auch bei ihm einsetzenden wahnhaften Visionen kämpft Garvey nicht nur um seine Familie, sondern vor allem auch um ein kleines bisschen Orientierung in einer aus Fugen geratenen Welt, die am Ende der ersten Staffel auch kein Stück sinnhafter erscheinen darf (und nach Aussage von Lindelof auch nicht soll oder – zukünftig – wird).

Leftovers still 2

Der eigentliche Clou gelang den Machern in Staffel zwei dann mit der Verlagerung des gesellschaftlichen Mikrokosmos und einer – auch in der Titelmusik gespiegelten – neuen und tendenziell etwas leichteren Tonalität. Nach einem bildgewaltigen Intro, das Erinnerungen an den Schöpfungsmythos à la Kubrick weckte, darf Garvey mit den Seinen in den weltweit einzigen Ort ziehen, der von der „Entrückung“ komplett verschont geblieben ist: Miracle, ein inzwischen fast schon militärisch abgeriegelter Wallfahrts- und Touristenort, in dem die Geschehnisse rund um die Guilty Remnants auf der einen Seite und Garveys vermeintliche Wahnvorstellung auf der anderen neue dramaturgische und mysteriöse Höhen erklimmen. Praktisch jede der zehn Episoden taugt zum in sich abgeschlossenen eigenen Kunstwerk, in der etablierte und neu eingeführte Figuren gleichermaßen Raum zur äußeren, vor allem aber innerlichen Entfaltung erhalten. Wobei vor allem Ecclestones Pfarrer Erwähnung verdient, der hier einen fast apostolischen Märtyrer- und Leidensweg durchexerzieren darf, während sich Kevin Garvey langsam zum Heilsbringer biblischer Ausmaße entwickelt– inklusive eines Return-Trips ins süße Jenseits, das mit seiner surrealen Szenerie „Lost“ und „Twin Peaks“ gleichermaßen evozieren darf. Am Ende der Staffel wurde vor allem eines überdeutlich: „The Leftovers“ funktioniert wie ein atmosphärischer Zerrspiegel der zwischen Bigotterie und Rationalismus gespaltenen US-Amerikanischen Gesellschaft, in der apokalyptische Heilsversprechen selten höhere Konjunktur gehabt haben dürften, als jetzt unter der Doppelherrschaft von Trump und Bannon. Es war nur folgerichtig, mit einer finalen dritten Staffel auf die Apokalypse nach der Apokalypse hinzuwirken.

Leftovers Scott Glenn

Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass der Abschied von „The Leftovers“ – neben allem anderen – abermals auch zur Meditation über die Themen Abschied, Verlust und Loslassen wird – allerdings erstmals in sehr viel globalerem Kontext. Denn in den vorab verfügbar gemachten sieben (von insgesamt acht) Episoden verlagert sich das drei Jahre später angesiedelte Geschehen ziemlich schnell in Richtung Australien, von wo aus Garveys Vater ja bereits in Staffel zwei jenseitige Nachrichten an seinen Sohn hat schicken dürfen. Dem hat Pfarrer Matt mittlerweile sein eigenes Evangelium geschrieben, einem eigentlich Gefallenen wohlgemerkt, der sich regelmäßig in Todesnähe begibt, um festzustellen, dass er noch am Leben ist. Als seiner Partnerin Nora (Carrie Coon) ein neues Verfahren in Aussicht gestellt wird, das sie wieder mit ihren „entrückten“ Kindern vereinigen könnte, folgt er ihr nach Australien, wo die Geschicke fast aller im Laufe von drei Seasons etablierter Charaktere in Läuterung, Abschluss oder dem unvermeidlichen Ende zusammengeführt werden könnten.

Mehr darf, soll und will man nach Ansicht von fast der kompletten Staffel auch gar nicht verraten – und wenn es einen darüber schier zerreißt. Denn Lindelof und Perotta gelingt es nicht nur, die Finalseason zur tonalen Synthese der beiden Vorgängerstaffeln werden zu lassen, sie erheben das Uneindeutige, Mysteriöse und Unbeantwortete abermals zum Nonplusultra ihrer Serie – wobei es sich zu keinem Moment so anfühlt, als würde man über Ursachen oder Konsequenzen des Geschehens im Dunkeln gelassen. Mehr noch als in den ersten beiden Seasons macht hier selbst das Sinn, was vordergründig unerklärbar ist - vielleicht deshalb, weil die Entwicklungen so eng mit der Geschichte und Psyche der einzeln Handelnden verknüpft sind. Und deren Aktionen bleiben für uns zu fast jeder Zeit erklär- und nachvollziehbar. Zumal uns die Macher diesmal – neben dem fantastischen Score von Max Richter – einen weiteren musikalischen Leitfaden zur Hand geben: Jede Episode wird von einem anderen Stück eingeleitet, welches das jeweilige Grundthema vorgibt. Was keinesfalls heißt, dass wir auf die zahlreichen „What the fuck“-Momente vorbereitet gewesen wären, die uns auch diesmal wieder bis in unsere Träume, Visionen und Wahnvorstellungen verfolgt haben.

Leftovers Key Art

So sollten die „Leftovers“ dem Publikum und der TV-Geschichte nach dem Ende der dritten Staffel denn auch in Erinnerung bleiben: Als konsequent zu Ende gebrachter Versuch, das Mysterium menschlicher Existenzen und Glaubenssysteme in ihrer jeweils schwersten Stunde nachfühlbar gemacht zu haben. Als etliche Antworten schuldig gebliebene serielle Entschuldigung für das Zuviel an Antworten, das man einst mit „Lost“ abgeliefert hatte. Und als audiovisuelles, dramaturgisches und darstellerisches Gesamtkunstwerk, das wie viele große Serien seine wahre Würdigung erst in der Zukunft erfahren wird.

„The Leftovers – Staffel 3“ läuft ab 17.04. bei Sky On Demand, Sky Ticket, Sky Go

Text: Christopher Büchele

Bilder: HBO

 

 

 

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