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13 Reasons Why

Ein fremdes Tagebuch zu lesen, ist bekanntlich selten eine gute Idee. Wenn es sich dann auch noch um die testamentarische Hinterlassenschaft einer Mitschülerin handelt, die sich selbst vor kurzem das Leben genommen hat, könnte es richtig unangenehm werden. Diese erzählerische Weisheit bestätigt sich im neuen Netflix Original „13 Reasons Why“, das auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher basiert. Mit seinem Teenager-Drama landete der amerikanische Autor vor einigen Jahren einen mehr als beachtlichen Hit und konnte sich über Monate in den vorderen Regionen der Bestsellerlisten in den USA behaupten. Ausgangspunkt der Handlung ist der äußerst bittere Suizid der Highschool-Schülerin Hannah Baker (Katherine Langford), die aufgrund einer Verkettung unglücklicher bis tragischer Vorfälle in einer Kleinstadt jedes Vertrauen in ihr Umfeld verliert und daraufhin beschließt, ihrem jungen Leben mit einer Überdosis Tabletten ein Ende zu setzen. Doch „13 Reasons Why“ ließe sich letztlich bis dahin als just another Young Adult-Novel klassifizieren, würde die 13-teilige erste Staffel nicht auf dem besonderen Kniff der Vorlage basieren, aus einer Suche nach den Hintergründen eine doppelbödige Schnitzeljagd zu generieren.

Denn bevor sich Hannah umbringt, dokumentiert sie auf 7 Kassetten mit 13 Seiten sehr exakt, was sie letztlich zu ihrer Tat getrieben und welche Warnsignale es dafür gegeben hätte. Ein komplexes Unterfangen, da passend zu den Kassetten gleich 13 Personen in den Bannkreis ihrer Abrechnung geraten, die mit Worten, Taten oder gerade einer Unterlassung von beidem ihren Tod mit ausgelöst haben. Doch als wäre das nicht schon abgründig genug, setzt Hannah ihr Diary of a Dead ganz gezielt post mortem auf die Schuldigen an und verstrickt sie so in ein Netz aus erzwungener Erinnerung und gegenseitigem Misstrauen. Denn sie zwingt jedem Hörer die Weitergabe der Tapes an den nächsten Beschuldigten auf und zeichnet so ein Gesamtbild der Kleinstadt mitsamt ihren kleineren und größeren Fehlern. So stellt sich für die Hörer rasch die existenziell nicht unbedeutende Frage, wer bereits etwas über bestimmte Verstrickungen in Hannahs Schicksal weiß und was die möglichen Konsequenzen eines solchen Wissens sein könnten.

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Doch trotz des leicht steigerbaren Thrillpotenzials einer solchen Ausgangslage driftet das Ganze nicht in eine vielleicht eher plump konstruierte Mystery-Crime-Serie ab, sondern versucht sich an einer für Teenager-Dramen subtilen, dennoch bitterbösen Demaskierung amerikanischer Sozialisation. Genau darin liegt bei aller vielleicht etwas strapazierten Selbstbezüglichkeit der suizidalen Protagonistin die spannendste Prämisse, die gleichsam auch innerhalb der Episoden den erzählerischen Reiz der Tapes ausmacht: wer genau auf sich und Hannahs Gefühle geachtet hätte, hätte ihren Tod (wahrscheinlich) verhindern können. Es sind offenkundig nicht nur böse Taten, sondern ebenso unterlassene Hilfe oder schlicht Ignoranz, die mit Hannahs Figur kritisch hinterfragbar werden.

Hannahs kommentierende Erzählstimme fungiert ähnlich wie die tote Nachbarsfreundin in „Desperate Housewives“ oder gar die rachsüchtige Killerin A aus „Pretty Little Liars“ als Ankerpunkt einer Metaebene, die hinter die Fassade des Alltages und einer oft allzu glatten, sich nicht selbst reflektierenden Oberflächlichkeit blickt und bis in einige fein gesetzte Details wie die Gliederung der Episoden entsprechend der Tapes auch den strukturellen Rhythmus der Staffel gekonnt bestimmt. Perspektivisch erweitert wird dieses sinistre Spiel abseits der scheinbar allwissenden Erzählposition Hannahs mithilfe von Clay Jensen (Dylan Minnette), der uns Zuschauer als enger Freund der Toten mit auf die Reise in Hannahs Leben nimmt, obwohl er zu den 13 Totengräbern zählt. Mit ihm erleben wir sowohl in der Gegenwart als auch innerhalb der zahlreichen Rückblenden Szenen eines Teenage-Alltags, der ganz im Stile des Genres die erste Liebe, Stress mit den Eltern und ungleiche Freundschaften genauso als Teil der eigenen DNA tradiert wie Intrigen, Enttäuschungen und die aus all dem resultierenden Lehren. Doch da der Suizid wie ein Schatten allgegenwärtig bleibt, umgibt jede noch so scheinbar banale Situation ein mehr als morbider Touch.

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Nah am literarischen Original entspinnt die Serie so ein dichtes Netz aus Lügen und Intrigen, das trotz seiner Ausgangslage weniger plakativ mit seinen Referenzen umgeht als zumindest im Ansatz vergleichbare Serien wie „Riverdale“, „The Secret Life Of The American Teenagers“ oder gar die übersinnlichen Teen-Serien wie „Vampire Diaries“ oder „Teen Wolf.“ Mit viel Fingerspitzengefühl filetiert „13 Reasons Why“ viele liebgewonnene Standards des Genres, verpasst es aber auch nicht, dessen retrohafte Schönheit immer wieder klug in die Handlung einzubetten. Wenn Clay etwa zum Auftakt einen Walkman klauen muss, um sich im digitalen Zeitalter die Tapes überhaupt anhören zu können und dann mit seinem Fahrrad von einer Station zur nächsten radelt, um wie bei einer Seightseeing-Tour auf Hannahs Spuren zu wandeln, beschwört die Serie den Zauber einer Jugend, die in ihrem Memento dennoch letztlich mehr Schein als Sein ist. So bleibt unter dem Strich der vorab zur Verfügung gestellten ersten drei Episoden eine Serie, die im gegenwärtigen Kosmos eher düsterer Teenager-Stoffe einen eigenen Platz einnimmt und anders als die genannten Vertreter offener für ein breiteres, nicht ganz so spezielles (Genre-)Publikum sein könnte. Und dass sich Tagebücher ohnehin als serieller Antriebsmotor für bestes guilty pleasure eignen, muss wohl niemandem mehr erklärt werden.

13 Reasons Why läuft ab dem 31.3. bei Netflix.

Text: Alexander Schlicker

Bilder: Netflix

 

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