Samurai_Gourmet_Netflix

Samurai Gourmet

A Japanese Food(ie) Fiction

An Formaten, die sich mehr oder weniger detailliert mit den kulinarischen Ergüssen dieser Welt beschäftigen, herrscht schon lange kein Mangel. Brutzelten sich bis vor einigen Jahren vornehmlich Moderatoren und andere Prominente im Beisein wechselnder Gastronomen durch die (Un-)Tiefen der Haute Cuisine, ehe das Zeitalter schicker Kochvirtuosen wie Jamie Oliver begann, bieten aktuell vor allem episch inszenierte Koch-Schlachten wie „Kitchen Impossible“ sogar explizite Dramenunterhaltung im Gewand kulinarischer Reise-, Casting- oder Selbstüberwindungsshows. Neben der Entwicklung hin zum quotenstarken Prime-Time-Event, die vornehmlich im regulären TV-Programm ihren Platz findet, starteten in den letzten Jahren auch andere Sendeformate wie die Doku-Reihe „Chef´s Table“ (Netflix), die sich eher der Kulturgeschichte des Kochens annehmen und auf den Einbau tragödienhafter Narrative weitgehend verzichten. Tänzeln die genannten Formate zuweilen an der Grenze zur Fiktion, wagen Serien wie das bereits seit 2009 produzierte (und seit der vierten Staffel von Netflix übernommene) „Midnight Diner: Tokyo Stories“ oder das seit Mitte März vom Start weg als Netflix Original angelaufene „Samurai Gourmet“ genau diesen Seitensprung und verquicken food culture jenseits dokumentarischer Ansätze mit einer Erzählung.

„Samurai Gourmet“ untermauert seinen fiktiven Status sogar überdeutlich, da die Serie auf einem in Fernost beliebten Manga basiert, der aus einer Kollaboration der beiden japanischen Multitalente Masayuki Kusumi und Shigeru Tsuchiyama hervorging. Wie bereits der Titel andeutet, verwebt die Serie das Kulinarische mit der Figur des Samurai. Allerdings anders, als man es zunächst erwarten würde. Nicht etwa ein Schwertkämpfer im feudalen Japan mit einer Vorliebe zum Kochen steht im Vordergrund, sondern der in der Gegenwart pensionierte und sich bisher vollständig seiner Arbeit verpflichtet gefühlte Takashi Kusumi (Naoto Takenaka), dessen Leben sich nun vor allem um die Frage dreht, wie er seine frisch gewonnene Freizeit im Alter am besten nutzen soll. Mangels Hobbies gestaltet sich die Lösung für Takashi gar nicht mal so leicht und so zieht er in der ersten Folge einfach durch die Straßen seiner Wohnsiedlung, ehe er in ein ihm bisher unbekanntes Lokal einkehrt. Doch was soll er bestellen? Etwas Neues ausprobieren? Vielleicht sogar mitten am Tag ein Bier trinken? Würde er damit nicht auffallen und ziemt sich ein solches „Betragen“ überhaupt?

Es sind innere Monologe wie diese, an denen sich prototypisch aufzeigen lässt, worum es in „Samurai Gourmet“ neben vielen Einblicken in die japanische Kochkunst unter der Hand auch noch geht, nämlich um eine kleine Stilkritik an so manch erstarrter Konvention innerhalb der japanischen Höflichkeitsgesellschaft. Wir begleiten Takashi dabei, wie er über den Umweg als privater Restaurantkritiker (allerdings nicht wie Christian Rach und Co) ein neues Leben entdeckt und beginnt, seinen eigenen Bedürfnissen nachzugeben oder zumindest zu hinterfragen, weshalb er es etwa in der zweiten Episode nicht schafft, sich über völlig missratene Ramen inklusive übellauniger (und provokanterweise chinesischer) Köchin zu beschweren. Immer dann, wenn Takashi im wahrsten Sinne auf sein Bauchgefühl hört und sich dem leiblichen Genuss hingibt, setzt „Samurai Gourmet“ gerade bei der inszenierten Zubereitung der Gerichte ganz auf den Reiz des Sinnlichen, verknüpft aber darüber hinaus auf charmant unaufdringliche Art kleine Anekdoten oder Erinnerungen des alten Mannes mit seiner jeweiligen kulinarischen Entdeckung zu einer subtilen Heldenreise, auf der sich Takashi speziell mithilfe einer von ihm imaginierten Samurai-Figur alter Schule (Tetsuji Tamayama) neu entdeckt und definiert.

Der herrenlose und somit analog zu Takashi frei herumwandernde Samurai verkörpert in der Vorstellung des Pensionärs all die Freiheit und Konsequenz, die Takashi für sich unter den Bedingungen seines Alltages erst noch entdeckt. Während sich der Samurai in Takashis Tagträumen auch schon mal aktiv mit seinem Schwert gegen vermeintlich despektierliche Kommentare über seinen Stand oder seine Lust auf Sake wehrt, reicht es für Takashi als Schlussfolgerung seiner Träume aus, einfach das zu tun, worauf er Lust hat. Auch wenn sich in der Figur des Samurai damit letztlich nur Klischees widerspiegeln, passt es zur reservierten Figur des alten Mannes, sich gerade einen lautmalerisch auftretenden Rebellen auszumalen, der vor allem eine raue, oberflächlich betrachtet völlig anachronistische Unbekümmertheit verkörpert. Selbst wenn es also nur um den Biergenuss an einem Werktag oder das üppig verschwenderische Schlemmen am Morgen geht, hält das veraltete (Anti-)Heldenbild des Samurai offenbar trotz allem noch einiges an eskapistischer Identifikationslust bereit.

Unter dem Strich ist „Samurai Gourmet“ weniger erzählerisch aufbereitete Kulinarik als vielmehr ein unaufgeregt eigenwilliges Kleinod inklusive sympathischem Restaurantgänger, das mit der ersten Staffel ein sympathisch delikates Zwölf-Episoden-Menü serviert. Zwar lernen wir hier weder, wie man die in jeder Folge kredenzten Gerichte im Detail zubereitet, noch liefern sich der Samurai oder gar Takashi epische Küchenschlachten, doch Freunde augenzwinkernd vorgetragener Lebensweisheiten und der japanischen Alltagskultur werden mit „Samurai Gourmet“ ordentlich satt.

„Samurai Gourmet“ läuft seit dem 17. März auf Netflix.

Text: Alexander Schlicker

Bild: Netflix

 

 

 

 

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