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Riverdale

Archie goes Twin Peaks

Es ist schon länger kein Geheimnis mehr, dass Netflix, Amazon und Co. in der Flut an Serienproduktionen gerne auf fest etablierte Genres oder Vorlagen mit möglichst großer Fanbase zurückgreifen, um verschiedene Zielgruppen anzutriggern. Dass diese Strategie gut funktioniert, beweisen neben marketingtechnisch perfekt platzierten Perlen wie „Stranger Things“, „Preacher“ oder ganz aktuell „American Gods“ vor allem Teen-Serials wie „Riverdale“ (Netflix), das mit seiner ersten Staffel den Retrocharme der zumindest in den USA legendären „Archie“-Comics ab den 1940ern aufnimmt und dessen modernisierten Reboot der letzten Jahre nun in Serie gehen ließ. Selbst wenn man nicht mit dem Comic-Ensemble rund um Archie, Betty, Veronica, Jughead oder den Blossom-Twins sozialisiert wurde, reichen bereits einige einschlägige Keywords, um ein konkretes Bild im Kopf entstehen zu lassen: amerikanische Kleinstadt, High-School, Football, Bands, Bitchfights und nach der Schule ein gemütlich alkoholfreier Milchshake in einer 50er Jahre Retrobar, ehe man sich in die nächste Party oder den alltäglichen Zoff mit den Eltern stürzt. Mag dieses Konzept zunächst nach billiger Teen-Soap ohne jede Substanz klingen, verbirgt sich dahinter ein cleveres Potpourri aus Klassikern wie „Veronica Mars“, „Beverly Hills 90210“ und vor allem Lynchs bald wiederkehrendem Evergreen „Twin Peaks“.

Die Storyline der aktuell im Wochenrhythmus auf Netflix ausgestrahlten ersten Staffel verfolgt auf der Basis seiner Vorlagen und Referenzen offenkundig das Konzept, als Guilty Pleasure ebenso funktionieren zu können wie als reichhaltiger Zitatenschatz der Popkultur, an dem sich Nerds genüsslich abarbeiten können. Allein der flüchtige Blick auf Episodentitel wie „Heart of Darkness“ oder „Faster, Pussycats! Kill! Kill!“ genügt, um das auch innerhalb der Folgen mit zahlreichen Verweisen förmlich überbordende Zitatenspiel in seiner manchmal harm- bis sinnlosen, oft allerdings gekonnt hintersinnigen Art verfolgen zu können. Dabei setzt „Riverdale“ wie jede gute (oder zumindest gut gemachte) Serie schon mit der Exposition einige wegweisende Marker, um dieses doppelköpfige Grundprinzip anzuteasern. Mit der Erzählerfigur Jughead, der als Beobachter und Chronist das Geschehen kommentiert und rahmt, etabliert sich mit am deutlichsten eine Metaebene, die innerhalb der verschiedenen Erzählstränge subjektive Deutung und objektive Fakten gegeneinander ausspielt.

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Als Dreh- und Angelpunkt aller Geheimnisse dient dabei der Tod des lokalen Rich Kids Jason Blossom, der an einem Tag mit seiner Zwillingsschwester Cheryl auf eine idyllische Bootsfahrt aufbrach, um erst als Wasserleiche mit Kopfschuss wieder an Land gespült zu werden. Serienhistorisch eine eindeutige Verbeugung vor der ikonischen Totenfigur der Laura Palmer in „Twin Peaks", um die sich - ähnlich wie nun mit Jason Blossom - ein dichtes Netz aus Verdächtigungen um die gesamte Stadt aufspannt. Dass sich einige der Teenager als Hobby-Detektive auf die Jagd nach dem Mörder begeben, verweist wiederum auf schillernde Vorbilder wie „Veronica Mars“ oder „Pretty Little Liars“, die selbst ästhetisch unverkennbar in die Style-DNA von „Riverdale“ eingegangen sind.

Doch neben dem Mordfall nimmt der American Way of Teenage Life eine nicht weniger große Rolle ein, da sich beispielsweise Archie neben einigen um ihn buhlenden Frauen nicht weniger dramatisch zwischen einer Karriere als Musiker oder Footballstar entscheiden muss. Seine beste Freundin Betty kämpft neben ihren Gefühlen für Archie auch um das Schicksal ihrer Schwester Polly, die von ihren Eltern in eine Anstalt eingewiesen wurde, während die frisch aus New York zugezogene Diva Veronica gemeinsam mit ihrer Mutter ein neues Leben abseits der kriminellen Verstrickungen ihres Vaters beginnen will. Doch es sind eben nicht die einzelnen Plots in all ihren austauschbaren Redundanzen, die „Riverdale“ aus der Masse vergleichbarer Formate hervorheben. Wesentlich spannender erweist sich der Umstand, dass die Serie mit ihren offensichtlichen Klischees und Verweisen munter jongliert, ohne völlig trivial damit umzugehen.

Da wären zum einen der modernisierte, dennoch retrohafte Touch, der sich nicht allein auf einen zeitgemäßen Look und eine Distanzierung von den allzu clownesken Charakterzeichnungen der ursprünglichen „Archie“-Comics mit ihren slapstickhaften Einschlägen beschränkt. Jugheads Charakter wird beispielsweise mit seiner Autorfunktion nicht wie in früheren Zeiten auf seinen Heißhunger auf Burger reduziert, während Musterschülerin Betty in der Serie sogar einige sehr dunklen Facetten ihres Charakters ausbrechen lassen darf. Kontroverse Charaktere wie Kevin Keller, der sich nun auch in der Serie als offen schwuler Sohn des Sheriffs im Geheimen mit nicht geouteten Männern einlässt, gab es allerdings schon in der Vorlage. Speziell die Figur des Kevin lässt erahnen, wie „Riverdale“ trotz seines pulpigen Fundaments damals wie heute einen Hauch von Gesellschaftskritik mit sich herumträgt, da die Kleinstädter nicht nur bei ihrem Umgang mit Moral und Anstand oft mehr Schein als Sein verkörpern. Typische Grundmotive wie der Kampf um Macht und Anerkennung, der vor allem entlang der Ober-, Mittel- und Unterschicht mit den einzelnen Familien wird, prägen die Serie unter der Oberfläche ebenso wie gender- und racekritische Untertöne.

Wenn Riverdales Schülerinnen in einer besonders eindrucksvollen Episode trotz aller Differenzen zeitweise zusammenhalten, um einen Rachefeldzug gegen den öffentlich zelebrierten Sexismus der Boys anzuzetteln, zeigt die Serie ebenso klare Kante wie mit der Girl-Band Josie and the Pussycats, die sich über ihre afroamerikanische Identität einerseits klar vom omnipräsenten Mainstream eines cleanen White America abgrenzt, sich andererseits aber mit dieser Konstellation für die eigene Karriere ab einem gewissen Punkt arrangieren muss. Was im Rückgriff auf die Vorlage erstaunen könnte, ist allerdings der Verzicht auf einige höchst absurde Meta-Spielereien, die dem Comic jeden Hauch von Realismus förmlich entziehen. Wenn beispielsweise gleich mehrfach das Geschehen aus der Sicht sprechender Hunde erzählt wird (wie die sehr empfehlenswerte Reihe „Road to Riverdale“ mit einer Auswahl an für die Serie wegweisenden Comic-Ausgaben mit viel Ironie vorführt), zeigt sich die Vorlage von einer selbstreflexiven Seite, die der Serie bei aller Nähe auch zum Design des Originals so (noch) abgeht.

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Unterm Strich gelingt „Riverdale“ in all seiner Farbenpracht das Kunststück, mit jeder Faser schmissige Soap und latent kritischer Popkultur-Container auf einmal zu sein. Wie viele zeitgenössische Hochglanz-Serien laden die Folgen zu verschiedenen Perspektiven ein, ohne eine davon zu stark aufzuzwingen. Dass dazu auch der Cast mit mancher Überraschung aufwartet wie der Besetzung einiger Altstars wie Luke Perry („Beverly Hills 90210“), Skeet Ulrich („Scream“) und David Lynchs „Twin Peaks“-Muse Mädchen Amick (als grandios sinistre Mutter von Betty), schürt Vorfreude auf die weiteren Episoden und die Frage, ob die Autoren bereit sind, das popkulturelle Referenzrad noch in die ein oder andere exzentrische Richtung weiter zu drehen. David Lynch und sein Sidekick Mark Frost erkannten nach der kurzen Auftaktstaffel sehr schnell, dass sich das Geheimnis einer Kleinstadt wie Twin Peaks nicht mit einer omnipräsenten Wasserleiche erschöpfen muss. Sollten die Macher allerdings das Risiko einer ähnlich schwierigen Second Season wie im nur allzu bekannten Fall des Vorbildes scheuen, wird „Riverdale“ dennoch auch weiterhin sein Publikum finden. Ab einem gewissen Punkt gibt es für Fans einer solchen Serie ohnehin kein Zurück mehr und man muss einfach verfolgen, wie es mit Archie und den Frauen, Bettys Familie, Jugheads Autorschaft oder Josie und ihren Pussycats weitergeht. Am Ende des Tages geht schließlich nichts über einen süßen Milchshake.

„Riverdale“ ist aktuell via Netflix verfügbar. Die noch ausstehenden Folgen der ersten Staffel sind dort wöchentlich wieder jeden Freitag ab dem 31.3. zu sehen.

Text: Alexander Schlicker

Bilder: The CW/Netflix

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