Seriencamp2016 Panel New Formats

INNOVATION NOW!

Das Panel „New Formats“ auf dem Seriencamp 2016

New Media, new Series?

Drei Kanäle, drei Serien, drei Wege in eine neue Medienzukunft? Was auf den ersten Blick selbst für manche Insider abenteuerlich klingen mag, ist längst Realität:  Serienfans können neben den allseits beliebten wie omnipräsenten YouTube-Clips jeder Couleur mittlerweile auch auf anderen Social-Media-Plattformen von Snapchat bis Instagram verfolgen, wie neue Formate erzählerisch ungewohnte und vor allem medienspezifische Pionierarbeit leisten, die neben dem, was man mit gängigen (TV-)Serien als Mainstream bezeichnen könnte, ein vielfältiges Eigenleben entwickelt. Unter dieser Prämisse diskutierten Macher und Experten zusammen mit dem Publikum auf dem Seriencamp 2016 in einem eigenen Panel über innovative Wege dieses neuen seriellen Erzählens. Wie viel „Altes“ steckt im „Neuen“? Was kann der etablierte TV-Betrieb vom medialen Nachwuchs lernen? Oder mit welchen Problemen sahen sich die „jungen Wilden“ bei der Umsetzung ihrer Visionen konfrontiert? Das waren nur einige der spannenden Fragen, die vor einem gut gefüllten Publikumsraum in der HFF München zur Sprache kamen. 

Paneldiskussion

Die drei vorgestellten Projekte lieferten dazu speziell mit Bezug zu ihren sehr individuellen Entstehungsgeschichten reichlich Anschauungsmaterial. Zusammengenommen ergeben sie sogar einen sehr tiefen Einblick in unsere Serienkultur, die zwar in ihrer „Mainstream“-Vielfalt schon lange goutiert wird, jedoch abseits des gängigen Fernseh- und Streaminganbieter-Marktes noch nicht ganz die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit erfährt, über die sich andere Medien freuen dürfen. Ein Problem, das auch mit der geringeren Bekanntheit und Frequentierung neuerer Social-Media-Angebote einhergeht, um die es den anwesenden Machern geht. Folgerichtig sorgte im Plenum bereits die simple Nachfrage, wer sich denn schon mit Snapchat auskennt oder Instagram nutzt, für mehrheitliches Kopfschütteln. Ob aber neue (Sozial-)Medien daher nur für eine deutlich jüngere Zielgruppe im dezenten Teenageralter eine Rolle spielt, wollte sich allerdings als akzeptable These weder bei den (auch überwiegend reiferen) Machern noch innerhalb des (weitgehend noch reiferen) Publikums nachhaltig verfestigen. Zumal man sich im Verlauf der rund einstündigen Veranstaltung immer stärker dazu motiviert sah, endlich doch einen Blick auf eigentlich nicht mehr ganz so junge Apps und deren Funktionen zu werfen. Um dem Thema also jugendlich frisch und dennoch „altersgerecht“ auf die Spur zu kommen, freute sich das Seriencamp über den Besuch einiger der Kreativköpfe von „BR Turbo“ (Web), „IAM.SERAFINA“ (Snapchat) und „Shield 5“ (Instagram), die zunächst das jeweilige Medium und dessen Reiz als gewählte Plattform erklärten und dann näher über ihr Projekt auf inhaltlicher wie produktionstechnischer Ebene Auskunft gaben. 

BR TURBO

Beim ersten vorgestellten Projekt „BR Turbo“ handelt es sich um eine vom Bayerischen Rundfunk unterstützte Webserie, die einige engagierte Studenten der HFF im Kontext eines Nachwuchswettbewerbs konzipierten und zunächst in Eigenregie realisierten, ehe sie auch professionelle Hilfe erhielten. Im Kern behandelt „BR Turbo“ in typischer YouTube-Länge den fiktiven Alltag einer Webredaktion, die auf Geheiß ihres extravaganten wie ahnungslosen Chefs eine jüngere Zielgruppe für den in seiner Zuschauerstruktur alternden BR erschließen soll. Vor einer besonders farbenfrohen Bürokulisse pendelt sich der Inhalt der gezeigten Episode, die wie die ganze Serie aufgrund laufender Verhandlungen über eine Ausstrahlung noch nicht regulär (im Web) zu sehen ist, zwischen überzeichneter Mediensatire, spritzigem Wortwitz und einer Prise amateurhaften Charme ein. Ein Konzept, das entsprechend der innerfiktionalen Vorgabe auch auf Seiten der Zuschauer eindeutig auf ein eher jugendliches Publikum abzielt. Als Webserie bestand die härteste Aufgabe für alle Beteiligten darin, Figuren und Setting in kompakter Clip-Länge möglichst schnell etablieren und für die Zuschauer greifbar erscheinen zu lassen; dennoch aber eine Geschichte voranzutreiben, die über das Niveau von süßen Tiervideos und anderer allzu kurzer Netzgeister hinausgeht. Obwohl „BR Turbo“ im direkten Vergleich mit den zwei anderen vorgestellten Projekten fast konventionell erscheint, lässt sich an dieser Serie sehr gut nachvollziehen, wie schwierig es sein kann, eine immer schnelllebigere Netzgemeinde in aller Kürze zu unterhalten und gleichzeitig aber etwas anzubieten, was den Sprung vom Web ins Fernsehen schaffen könnte. Denn das ist für alle Anwesenden auf der Bühne ein wichtiges Anliegen im Umgang mit Social-Media. Moderne Unterhaltung sollte auch abseits großer Franchises im Sinne eines schon ökonomisch sinnvollen trans- und crossmedialen Ansatzes nie auf nur ein Medium beschränkt bleiben.

IAM.SERAFINA

IAM.SERAFINA Logo

Ebenfalls sehr klar in Richtung jüngere Zielgruppe und wachsende Aufmerksamkeit positioniert sich die eigens für Snapchat produzierte Serie „IAM.SERAFINA“, die als Scripted Soap in bester Daily-Vlogger-Manier das tägliche Teen-Leben der jungen Münchnerin Serafina und ihrer Freundesclique ausschmückt. Der Clou dabei: Serafinas Leben läuft in Echtzeit für alle Follower ab und erlaubt es Fans sogar, Serafina live Fragen zu stellen und so noch direkter in das Leben der Figur einzutauchen. Dennoch ist die Story komplett fiktiv und genau diese Schnittstelle stellt eine der wesentlichen Faszinationen dieses Formats dar. Aufgrund des sehr reduzierten Inszenierungsaufwandes im Kontext eines reinen Social-Media-Kanals, der sich beispielsweise schon kameratechnisch auf Serafinas Umgang mit ihrem Smartphone beschränkt, erscheint vielen Viewern gerade diese Serie als sehr authentisch bis völlig real. Das liegt teilweise an dem sehr ungekünstelten Auftreten von Jungschauspielerin Franca Serafina Bolengo, die der Figur der Serafina sogar ihren Namen verlieh, und sich bezeichnenderweise nach vielen der vorab geplanten (Skript-)Ereignisse wie dem Fremdgehen ihres Boyfriends vor Solidaritätsbekundungen und Angeboten ihrer Fans kaum retten konnte. An Serafina lässt sich sehr gut veranschaulichen, wie eine Medienfigur im Netz funktionieren kann: Ihren Fans auch in deren täglichen Lebensroutinen interaktiv nah sein, aber dennoch Distanz zu wahren, um die Fiktion nicht in sich kollabieren zu lassen.

Als im Grunde sehr klassisches Coming-of-age-Drama , das gekonnt mit „Found Footage“-Material und einer stets im Hintergrund „mitinszenierenden“ Crew in der ersten Staffel zwei Wochen aus dem Leben eines Münchner Mädels zwischen Mode, Lifestyle und Oktoberfest erzählt, erweist sich  „IAM.SERAFINA“ mit seiner Umsetzung als eines der vielleicht innovativsten Konzepte im Bereich Serie. Denn selbst wenn man als Zuschauer nicht zur angestrebten Zielgruppe junger Mädchen gehört, fasziniert in jedem Fall die Grundidee einer quasi Live-Sendung, die mit den für Snapchat typischerweise extrem kurzen und auch nach einiger Zeit wieder aus der App verschwindenden Clips eine Nähe zwischen Zuschauer und Figur suggeriert, die dazu in der Lage ist, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion inszenatorisch leichtfüßig auszutricksen. Damit zusammen hängt sicherlich auch der Aspekt einer in mehrfacher Hinsicht vollkommen mobilen Erzählung, denn Snapchat ist als Mobile-App darauf ausgerichtet, überall und damit vor allem unterwegs genutzt zu werden. Die Verbindung zwischen Serafina und ihren Fans verläuft folglich oft ganz spontan, wenn man schnell und einfach in der Bahn zum Smartphone greift, um sich innerhalb eines überschaubaren Zeitfensters zu beschäftigen. Dennoch schafft es die Figur mit ihrer vermeintlichen Authentizität, mehr Freund als beliebiger Clip zu sein, den man einfach mal in einer YouTube-Liste entdeckt oder der einem via Social-Media „zugeshared“ wird. Der riesige Erfolg der ersten Staffel gibt Serafina mehr als Recht, denn mit deutlich über 10.000 Followern, die sich regelmäßig auf neue Nachrichten und Erlebnisse ihrer „Freundin“ Serafina freuten, ist die Serie für Snapchat-Maßstäbe ein gigantischer Erfolg und wird daher fortgesetzt. 

Shield 5

Shield 5 Screenshot

Auch das letzte innerhalb des Panels vorgestellte Format wurde speziell für ein Medium konzipiert und erlebte auch nur dort seine Premiere. Narrativ als Genre-Thriller über die Folgen eines gescheiterten Diamantenraubs angelegt,  inszenierte Schöpfer und Regisseur Anthony Wilcox mit  „Shield 5“ eine Serie exklusiv für Instagram, die sich mit Recht auf die eigenen Fahnen schreiben kann, eines der international meistdiskutierten Experimente im Social-Media-Bereich zu sein. Eine Folge dieses atemlosen Thrillers dauert tatsächlich nur 15 Sekunden und wird von den Machern mit Screenshots von Fahndungsplakaten oder Zeitungsberichten flankiert, um zusätzliche Informationen zu Figuren und Story transportieren zu können. Die Grenzen des Mediums markieren auch hier Fluch und Segen des Ansatzes: Die einzelnen Episoden sind fast zu kompakt, um eine tiefgreifende Geschichte entwickeln oder auch nur jede Handlung verständlich machen zu können. Erst wenn man alle Episoden der rund siebenminütigen Gesamtfassung sieht, erschließt sich die unter diesen Voraussetzungen bemerkenswerte Komplexität der Story. Allerdings schärft das Format gerade aufgrund der knappen Häppchen den Blick für filmische Details und damit letztlich für den minutiösen Aufbau einer Dramaturgie, die sich erst aus der Zusammensetzung kleinteiliger Kameraeinstellungen ergibt. Kein Format bietet sich wohl so dafür an, jedem Filmemacher ein Gefühl für pointiertes Anteasern und gnadenlos wirksames Cliffhangern zu vermitteln, das jedem Binge-Watcher den kalten Schweiß auf die Stirn treiben dürfte. Dass über den Ausgangspunkt eines genretypischen Thrillerplots versucht wurde, die Essenz einer möglichen Spielfilmhandlung ausgerechnet auf eine so minimalistische Weise umzusetzen, zeugt von besonderem Wagemut, da ein im Kern spannungsgeladener Erzählfluss, wie er für einen gelungenen Thriller notwendig ist, mit 15 Sekunden pro Clip kaum gewährleistet werden kann. 

Brave new Serienzukunft?

Wie geht es also mit der Webserie weiter? Ein Begriff, der nach den gezeigten Einblicken in sich alles andere als solide und aufgrund der Vielfalt serieller Netzformen kaum ausreichend für eine dauerhaft stichhaltige Beschreibung erscheint. Alle Formate hatten letztlich das große Glück einer unerwarteten Finanzierung, ohne die es keine der Serie je auf die Bildschirme dieser Welt gebracht hätte. Die längerfristige Rentabilität eines Experimentierens mit neuen Formaten im Netz ist möglichen Geldgebern bisher noch nicht leicht zu vermitteln. Während „IAM.SERAFINA“ und „BR TURBO“ über die teils sehr direkten Verbindungen der Kreativköpfe zu BR PULS an ein paar öffentlich-rechtliche Fleischtöpfe des Bayerischen Rundfunks gelangen konnten, musste Anthony Wilcox viele separate Investorenklingeln putzen, um „Shield 5“ realisieren zu können. Dass fiktionale Webserien solide Gewinne abwerfen, bleibt daher wohl noch länger abzuwarten und hängt in vielen Einzelfällen vor allem vom Geschick der Produzenten ab, ihre Serie trotz einer klar definierten Zielgruppe möglichst breitenwirksam zu vermarkten. Erzähltechnisch wie inszenatorisch müssen sich alle drei Serien darüber hinaus mit den Vor- wie Nachteilen ihrer Plattform arrangieren, die allerdings mithilfe von Updates sogar radikal verändert werden können. Die aktuellen Gegebenheiten geben letztlich sehr stark vor, was die Viewer zu sehen bekommen. Wie viel lässt sich daher grundsätzlich in 15 Sekunden oder mit dem Verfallsdatum eines Clips überhaupt transportieren? Wie muss ein effektives Drehbuch ausfallen, wenn man davon ausgehen muss, dass die meisten Viewer bereits nach wenigen Sekunden das Interesse verlieren und weiterklicken, sollte das Gesehene nicht sofort catchen? Das Zeitmanagement ist neben der konkreten audiovisuellen Performance, die sich eben gegebenenfalls auf einem Smartphone ebenso bewähren muss wie auf einem Tablet oder PC, wohl der wesentlichste Faktor für eine gelungene Platzierung. Wie im Fall von „IAM.SERAFINA“ muss allerdings gegebenenfalls auch der Aspekt einer interaktiven Einbindung der Viewer als konkrete User berücksichtigt werden, was wiederum sowohl für eine bruchlose Dramaturgie als auch bezüglich einer möglichen Unberechenbarkeit der Reaktionen aus der Community Probleme bei der Planung bereiten kann. 

Trotz allem ist sich die Podiumsrunde einig: die Zukunft der Serie kann und sollte ebenfalls im Netz liegen. Begreift man den unmittelbaren Kontakt mit den Followern etwa als mögliches Korrektiv und vielleicht sogar unmittelbaren Ideengeber wie bei Serafina und vermischt gekonnt wie im Fall von „Shield 5“ verschiedene Medien wie Text, Bild und Film innerhalb eines Formats, ergeben sich Möglichkeiten, Webserien vielleicht sogar als die eigentlichen Innovatoren seriellen Erzählens weiter positionieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Schlussendlich müssen Webserien das historisch traditionelle Schicksal einer steinigen Entwicklungsphase hin zu mehr Akzeptanz und Relevanz mit allen vorherigen Medien teilen. Der Film mag da nur als das naheliegendste Beispiel dienen: Sorgte er zunächst um 1900 als neues Medienspektakel für viel Irritation speziell in den Zentren Europas, spaltete er wiederum gut 30 Jahre später mit der Einführung des Tons eine dann bereits begeisterte Cineastenszene in Skeptiker und Befürworter. Die Zeit gab dem Tonfilm allerdings schnell das nötige Recht, um seinen frühen Pionieren, die gleich auf den unaufhaltsamen (Sieges-)Zug aufsprangen, eine mehr als verdiente Anerkennung für ihren Wagemut zu beschweren. Eine Prophezeiung für die Zukunft der Webserie? Geschichte wiederholt sich eben manchmal doch. 

Alexander Schlicker


© Photos Seriencamp: Anna Iding

 

 

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