Fleabag_Waller-Bridge

Fleabag

My massive arsehole oder: Krise mit Meerschweinchen

Die Gegenwart hat ihre ganz eigenen Tücken. Oder das, was man dafür hält: Wie verhält man sich beispielsweise als junge Mitzwanzigerin, wenn mal wieder ein Verehrer mitten in der Nacht vor der Tür steht und man einerseits unbedingt mit ihm schlafen, andererseits aber auch nicht wie eine verschreckt sexbedürftige Tusse rüberkommen will? Es steht schließlich viel für das eigene Selbst auf dem Spiel, nämlich im Idealfall Selbstbewusstsein so überzeugend vorzuspielen, dass niemand merkt, wie unsicher man doch eigentlich ist. Ein kleiner Triumph mit großen Auswirkungen. Zumindest für Fleabag, die als Protagonistin ihrer gleichnamigen Serie tagtäglich mit diesem und einer ganzer Menge vergleichbarer Probleme zu kämpfen hat. Eine eindeutige Haltung zu bewahren, fällt der jungen Britin aber trotz aller Performance-Qualitäten nicht nur beim Sex mit ihren zahlreichen Liebhabern schwer, da sie die meist platten Muster und Klischees, in die sie ihre Beischläfer einzupassen versuchen, so leicht durchschaut, dass es nicht nur Männern ohne echtem Selbstbewusstsein Angst und Bange werden kann. Da wird dem verträumten Rektal-Fetischisten aus der eben anzitierten Auftaktszene, der sich postsexuell als Gipfel seines eigenen Narzissmus noch in der romantischen Form seines Lebens wähnt, mit ein paar bissig sezierenden Meta-Kommentaren an uns Zuschauer gänzlich unverhohlen aufgezeigt, dass er für Fleabag in dieser Situation nichts weiter als ein sich selbst überschätzender Dummschwätzer ist. Dennoch wird sie nicht zum letzten Mal mit ihm geschlafen haben. Man will schließlich nichts verpassen. Kann ja sein; vielleicht. Und außerdem stellt sich für Fleabags Befinden nach diesem Coitus ohnehin primär die wesentlich dringendere Frage, ob sie hintenrum nicht vielleicht doch etwas zu weit sein könnte. 

Mit Talent, Charme und jeder Menge Kompromisslosigkeit verkörpert die gebürtige Londonerin Phoebe Waller-Bridge den erstaunlich vielschichtigen Seriencharakter der Fleabag, obwohl das adaptierte Skript ursprünglich auf einem von Waller-Bridge bereits vor Jahren selbst gespielten Soloprogramm basiert. Schon damals erklärte sich der Erfolg des Programms aus dem Gespür der Autorin für die radikal hintersinnige Aussprache dessen, was anderen (Frauen-)Figuren nur selten über die Lippen kommt, ohne im Anschluss allzu leicht in eine bestimmte Schublade gängiger Comedy-Vorstellungen gesteckt zu werden. Aus der Show on Stage wurde dann eine bis dato sechsteilige Mini-Serie für die BBC, die im UK soviel Aufsehen erregte, dass Amazon „Fleabag“ auch für den internationalen Markt einkaufte. Eine gute Wahl, denn die Serie bietet mit ihrer Anti-Heldin - umringt von einem bemerkenswert lebensnahen, gleichzeitig gerade deshalb wunderbar überzeichneten Ensemble und angesiedelt im Herzen Londons - weit mehr als eine der üblichen scharfzüngigen Twentysomethings, die speziell männlichen Marotten einen gepflegten Tritt ins Gemächt verpassen.

Fleabag_02_Cafe

Trotz messerscharfer Demaskierung greift nämlich auch bei Fleabag selbst etwas an, was man mit einer von ihr selbst angeführten Auflistung wenig schmeichelhafter Attribute als ihre persönliche Achillesferse zusammenfassen könnte: gierig, pervers, selbstsüchtig, abgestumpft, zynisch, verkommen und moralisch bankrott sei sie. Was nach einer überspitzten Beschreibung eines Superschurken klingt, ist in Wahrheit Fleabags Selbsteinschätzung, die sie uns bereits in der ersten Folge ohne Wimpernzucken, aber mit scheinbar viel Selbstkritik vor den Latz knallt. Dass man ihr diese Beschreibung letztlich nicht so ganz abkaufen mag, ohne nun gleich einen Lobgesang für ihr Wesen anzustimmen, hängt vor allem mit ihrem offensichtlich ausgestellten Narzissmus zusammen, der sich immer wieder mit einem bemerkenswerten, jedoch seit „House of Cards“ und „Mr. Robot“ ehrlicherweise auch nicht mehr ganz taufrischen Kniff Gehör verschafft: Sie kommentiert in Wort, Mimik und oft genug auch mithilfe ihres drahtigen Körpers einfach alles, was um sie herum geschieht mit einer Mischung aus Sarkasmus, Selbstironie und häufiger als ihr lieb sein kann mit einer tiefen Traurigkeit, welcher der Serie trotz aller Komik ihren verdienten Dramedy-Stempel aufdrückt. Denn Fleabag ist eine tragische Anti-Heldin, die sich und ihr Leben zwar ändern will, aber nicht so recht die dafür nötige Konsequenz aufbringt, Einschnitte dann auch tatsächlich durchzuziehen. Gründe gäbe es schon nach der ersten Episode mehr als genug dafür. Der Sex mit ihrem neurotischen Dauerfreund (nicht zu verwechseln mit ihren Liebhabern) ist beispielsweise so eingeschlafen, dass sie lieber mit ihrem Notebook über der Bettdecke zu Reden von Barack Obama masturbiert oder sich nach einem vollkommen peinlichen Date-Abend von einem Kerl mit gigantischen Hasenzähnen rannehmen lässt, den sie eigentlich kurz zuvor (und auch danach) nur loswerden will. Als Inhaberin eines kleinen Cafés in London geht es ihr beruflich auch nicht viel besser, da sich dessen Charme der Tatsache verdankt, dass es sich bei dem Cafe um einen waschechten Meerschweinchentempel handelt, in dem die Gäste nicht nur an den Wänden allerhand Bildmaterial zu den possierlichen Tierchen bestaunen können.

Ob es letztlich die zu hohen Preise für mittelmäßige Sandwiches oder die befremdliche Haustierexotik ist, was die Kundschaft abschreckt, bleibt ebenso ungeklärt wie Fleabags zerrüttete Beziehung zu ihrer Familie. Ihr Vater hält es nicht mit ihr allein in einem Raum aus, ihre Schwester kämpft mit ihrer heillos zerrütteten Ehe mit dem treulosen und wie alle Männerfiguren in der Serie aberwitzig lächerlichen Martin und ihre bereits verstorbene Mutter wurde von einer gefühlskalten Künstlerin als neue Stiefmutter (grandios interpretiert von Olivia Coleman) abgelöst. Als wäre das noch nicht alles schlimm und psychotisch fruchtbarer Nährboden genug, liegt das tiefste Leid unserer Protagonistin im Tod ihrer allerbesten Freundin, mit der sie nicht nur das Cafe zutiefst verband. Eine heillos in ihre eigenen Widersprüche verstrickte Zynikerin verlor somit ihren wichtigsten Halt und muss sich so allein (mit Meerschweinchen) durch ihr Leben kämpfen. Ob sie dabei mit ihrer unglücklich verheirateten und auf eine ganz andere Art mit ihrem Leben unzufriedenen Karriere-Schwester aneinander gerät, ihrer hinterlistig beleidigenden Stiefmama eine ihrer geschmacklosen Skulpturen klaut oder mehrfach mit „ihren“ wechselnden Männern hadert, bevor sie wieder mit ihnen schläft – Fleabag bleibt immer ungefiltert authentisch und damit ungemein nahbar in ihrer Unsicherheit, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Krise all überall. Man muss nur genauer hinschauen und Fleabag richtig lauschen.

Fleabag_03_Landhaus

Genau das macht diese Figur vielleicht so einzigartig im Gegensatz zu den schon länger im Serienkosmos herumtänzelnden Fräulein wie „New Girl“ Jessica Day oder gar die intellektuell angehauchte, jedoch gerade deshalb bemerkenswert affektierte Hannah Horvath, wie sie von Lena Dunham in „Girls“ ähnlich lange durchexerziert wird. Als London Girl hat Fleabag ganz andere Probleme als ihre genannten Kolleginnen, obwohl sie alle deren typische Coming-of-Age-Furcht vor der so endgültigen (Selbst-)Verantwortung des Erwachsenseins vereint. Doch wo sich Jessica Day in bester „Friends“-Tradition in ihrer Männer-WG plus allzeit verfügbarer bester Freundin verschanzen kann und Hannah Horvath mit sich und der Welt um hochkomplexe Fragen wie die Stellung der Frau in der amerikanischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ringt, mangelt es Fleabag sowohl am konsequenten Willen zum Intellektualismus als auch an lebensfroher Leichtigkeit. Nicht umsonst ist eine der komischsten Szenen die, in der sie mit ihrer Schwester ein Feminismus-Seminar besucht und auf die Frage ans Plenum, wer für den perfekten Körper fünf Jahre seines Lebens eintauschen würde, ohne zu Zögern mit ihrer Schwester die Hand hebt. Wie die beiden anschließend selbst ohne Reue einräumen, taugen sie offenbar nicht recht für konsequent angewandte Gesellschaftskritik mit aufklärerischem Impetus. Dann darf es doch lieber in einer Episode ein Luxus-Wochenende auf dem Land inklusive Esoterik-Seminar sein. Man gönnt sich ja sonst nichts, selbst wenn man als Fleabag weder das Geld noch eigentlich die Lust hat, sich auch darauf wirklich einzulassen.

So schwanken wir mit ihr durch ihren Alltag, wobei wir aufgrund ihrer scheinbar sehr vertrauensvollen Kommentare immer das trügerische Gefühl vermittelt bekommen, sie und ihre Gefühlswelt zu durchschauen, ehe allerdings genau diese Form der Serienempathie nur allzu gerne wieder aufbricht. Fleabags Sprechen, so könnte man es zumindest deuten, ist eine einzige sich seriell fortsetzende Pathologie, sich selbst einzureden, es wäre etwas in Ordnung, was eben augenscheinlich nicht in Ordnung ist. Eine wesentliche Stärke im Rahmen dieses Ansatzes: Fleabags Reaktionen und Handlungen sind dennoch häufig schwer in der jeweiligen Situation nachvollziehbar und man ertappt sich bei der Frage, ob man sich mit ihr überhaupt identifizieren will oder überhaupt kann. Wie kaum eine andere Serie mit nur sechs Episoden in einer Staffel versteht es „Fleabag“ dabei, im dramödienhaften Wechsel zwischen Komik und Tragik die eine Tendenz in der jeweils anderen aufzuspüren und wie jede famose Comedy in höchst skurrilen Alltagssituationen aufgehen zu lassen.

Fleabag_04_Ubahn

Zu gerne möchte man Fleabag etwa wünschen, nach einem absurden Eiertanz am Familientisch von ihrem emotional unbeholfenen Vater in den Arm genommen zu werden, dem dreisten Ehemann ihrer Schwester eine Strafe für dessen unverfroren egoistische Betrügereien zu verpassen und vor allem die andauernden Flashbacks zu ihrer Vergangenheit abzuschütteln, um über den Tod ihrer besten Freundin hinwegzukommen. Es sind in dieser Gemengelage speziell die Männer, die immer wieder als mögliche Rettungsanker versagen und der Serie nicht nur damit einen Hauch von subversiv kritischer Grundhaltung verleihen, wie sie glücklicherweise immer mehr modernen Serien anhaftet. So urbritisch das gesamte Ensemble und das Setting auch sein mögen; die schonungslos direkte Art der sechs Episoden gesellt sich zu kontemporären Meta-Comedys wie „Lady Dynamite“ oder „Broad City“, die einen tragikomischen Ansatz wählen, der sich mithilfe ihrer atemlosen wie ansatzlosen Grenzüberschreitungen und zahlreichen Konventionsbrüchen direkt an uns Zuschauer wendet, ohne uns mit einem simplen Schlusslächeln aus der Folge zu entlassen. Das schönste daran im Fall von Phoebe Waller-Bridge: Fleabags Karriere als Anti-Serienheldin hat mit bisher einer Staffel erst begonnen. Hoffentlich.

Alexander Schlicker

„Fleabag“ - Staffel 1: Verfügbar via Amazon Prime Video

Bilder: © AMAZON / BBC

 

 

 

 

 

 

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