Kathy Bates als Madame Lalaurie

American Horror Story - Coven

When witches become bitches

Nun also Hexen. Die dritte Runde der Horror-Anthologie aus dem Hause Fox zelebriert wie gewohnt ein frisches Setting, thematische Vielfalt, einige bemerkenswerte stilistische Fingerübungen sowie einen  überbordenden Reigen an miteinander verstrickten Motiven und Genretraditionen. Doch darüber hinaus legt Coven den Finger sehr deutlich in einige offene Wunden der amerikanischen Geschichte, deren Blutungen bis heute nicht gestoppt werden konnten. Ein bewusst unvollständiger (und nicht ganz SPOILER-freier) Review.

Teenage Dreaming

Wenn sich zwei amerikanische Teenager tief in die Augen schauen, das hormonelle Glück verheißungsvoll ihre beiden Wangen streichelt und das junge Paar die Abwesenheit der Eltern für die Freuden des ersten Koitus nutzen, könnte einen sehr schnell der Verdacht ereilen, man würde in einer der unendlich reproduzierten Klischeeschleifen des Film- und Fernsehmainstreams gelandet sein. Wie gut, dass in Form des grausamen Ablebens des Teenager-Männchens genau das zuschlägt, was findige Ideologiekritiker gerne als latentes Sexualverbot unter angehenden, und damit natürlich nicht voll verantwortungsvollen Adoleszenten bezeichnen. Nicht nur mit Macht steigt schließlich bekanntermaßen die Verantwortung. Auch Sex hat eine verantwortungsbewusste Angelegenheit zu sein, zumindest wenn man jedem zweiten Horrorstreifen gedanklich nachfolgt.

Im Fall von Coven bedeutet der erste Sex für die junge Zoe (Taissa Farmiga) also gleich die erste tiefere Bekanntschaft mit dem Tod und der Erkenntnis, selbst als wandelnder Todesengel dazu verdammt zu sein, Intimität und Fortpflanzung nur sehr eingeschränkt angehen zu können. Typischerweise wird Zoe daraufhin aufgrund ihrer offensichtlichen Abweichung abseits jeder natürlich-bürgerlichen Vorstellbarkeit in die Hände ihrer wahren Bestimmung gegeben, die sich als äußerst reduziertes Überbleibsel eines in New Orleans bereits vor Jahrhunderten angesiedelten Hexenzirkels entpuppt. Zoes Eltern, die gerade einmal wenige Sekunden der Trauer um den endgültigen Abschied von ihrer Tochter zugestanden bekommen, werden für den Rest der Staffel keine Rolle mehr spielen, da sie mangels eigener „Abnormität“ nicht einmal wie in Harry Potter als unerreichbares Ideal einer Zauberfamilie herhalten können. Vergleichbar mit einem Tagebucheintrag, den sie im Zug auf der Reise in ihr eigenes Hogwarts Richtung New Orleans verfasst, tritt Zoe ihre Heldenreise in den Kreis der Hexenakademie an. Erwachsen werden mit Zauberkräften.

Nan, Zoe und Queenie

Der Zirkel, der in direkter Nachfolge der berühmten (weil massenweise verfolgten und auf dem Scheiterhaufen verbrannten) Hexen von Salem aus dem 17. Jahrhundert stammt, wird in der Gegenwart geleitet von der kräuterkundigen Hexe Cordelia Goode (Sarah Paulson). Deren überdominante Mutter Fiona (Jessica Lange, brillant wie immer) verfügt als oberste Hexe des Zirkels über die gewaltigsten Kräfte, aber gleichzeitig auch über das größte Ego und stellt sich als bemerkenswert flexible Intrigantin heraus. Neben Zoe bewohnen noch weitere Junghexen die opulent ausstaffierte Villa in New Orleans: die emotional selbstbezogene, telekinetisch veranlagte Schauspieler-Göre Madison (Emma Roberts), die grotesk übergewichtige, schwarze Queenie (Gabourey Sidibe), die als menschliche Voodoo-Puppe fungieren kann und die offensichtlich leicht behinderte Hellseherin Nan (Jamie Brewer). Alle einzigartig anders und doch letztlich stereotype Figurationen der Abweichung von einer jeweils gesetzten Form der Normalität, die sich speziell über ihren Umgang mit Differenz wie Rasse, Krankheit oder sogar Berühmtheit definiert. Konsequenterweise sind sich die Junghexen auch untereinander alles andere als zugetan und zelebrieren (vorwiegend mit Starlett Madison an der Spitze) einen regelrechten Bitchfight, der selbst Gossip Girl oder Pretty Little Liars Ehre gemacht hätte. Zu diesem plakativ zusammengestellten Kreis werden sich noch andere Hausbewohner gesellen wie die Nekromantin Misty Day (Lily Rabe) oder auch Fleetwood Mac Sängerin Stevie Nicks in einer dramaturgisch erstaunlich unverbundenen Gastrolle als weiße Hexe. Dass diese Figurenanlage insbesondere der vermeintlichen Heldin Zoe weder neu noch sonderlich originell ist, beweisen nicht erst die todbringenden Damen aus der Serie Nymphs, die den tödlichen Beischlaf sogar zur Arterhaltung betreiben müssen, oder die Saga um den bereits genannten Zauberlehrling. Der weitere Verlauf erhärtet diesen Anfangsverdacht.

Emma Roberts als Madison Montgomery

Doch warum sollte sich American Horror Story storytechnisch auch nur im Ansatz um das ohnehin nahezu unmögliche Gut der Originalität scheren, wenn das Konzept der Herren Falchuk und Murphy doch gerade darauf aufbaut, in einer Art kulturellem Found-Footage-System stets bekannte Stoffe zu remixen und deren Ursprungsmotiven gerade dadurch bisher Verdecktes zu entlocken oder gar deren Konventionalität explizit zur Schau zu stellen. Daher spielt es im Universum der beiden Schöpfer auch nur eine (bisher) untergeordnete Rolle, welchen Stoff sie sich in den Staffeln zur Brust nehmen – irgendwann kommt letztlich alles an die Reihe. Es zählt nicht das „Wann“, sondern allein das „Wie“. Zu diesem Wie gehört im Fall der Startepisode von Coven ein pikanter Prolog, der zusätzlich zu Zoes vaginaler Hexeninitiation einige andere blutige Spuren der gesamten Staffel initiiert.

(Infinite) American History of Violence: Obama in der Zauberkiste

Präzise hingeschaut bildet ein Blick in ein dunkles Kapitel der Geschichte von New Orleans zu Zeiten der Sklaverei den Auftakt der Staffel. Im Hause von Madame Lalaurie (Kathy Bates), die ein eisernes Regime über ihre drei zu verheiratenden Töchter ausübt, gehen neben möglichst potenten heiratswilligen Männern auch Sklaven aus und ein, die von der Hausherrin in grausamster Rassismustradition als unwürdiges Arbeitsvieh misshandelt werden. Von einer Art prämodernem Jugend- und Schönheitswahn befallen, benutzt Lalaurie ihre Sklaven als  Jungbrunnen, indem sie ihnen auf dem Dachboden ihres Hauses auf grausamste Weise das Blut abzapft, um es sich wie eine Creme auf die eigene Haut aufzutragen.

Die Figur der Madame Lalaurie dient den Autoren daher als Fixpunkt für mehrere inszenatorische und motivische Ausrichtungen. Da wäre zunächst die mithilfe der Rückblenden durchexerzierte Verschränkung aus Vergangenheit und Gegenwart, die stringent die These eines kontinuierlichen und nie gänzlich überwundenen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft vertritt. Symbolisch bedeutet Lalauries Grausamkeit, die sich allerdings ebenso gegen ihre eigene Familie richtet, eine besonders perfide Demaskierung der Ökonomisierung und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung Amerikas. Der Wohlstand der weißen Oberschicht wird mit dem Blut der schwarzen Unterschicht nicht nur „erkauft“, sondern für das Phantasma ewiger Jugend sogar radikal ausgebeutet. Gerade weil sich Lalaurie schon in der Auftaktfolge mithilfe einer List tatsächlich in eine Unsterbliche verwandelt, die zur Strafe für ihre Taten eingesperrt und erst viele Jahrzehnte später von Fiona Goode wieder ausgegraben wird, um ihr vermeintliches Unsterblichkeitsgeheimnis preiszugeben, nimmt ihre Grausamkeit eine bemerkenswerte Wendung. Die implizite Erfüllung ihres Wunsches wird zu ihrem größten Fluch und lässt sie eine Zukunft ergründen, die sie nicht versteht. Prototypisch dafür lernt die im New Orleans der Gegenwart ausgegrabene Lalaurie das Fernsehen kennen. Der mediale Zauberkasten bereitet ihr dabei weniger Ungemach als die historische Tatsache eines schwarzen Präsidenten, der rechtmäßig vom Volk gewählt wurde. Selbst ein von Queenie erzwungenes Binge-Watching der ikonischen Sklaverei-Serie Roots wird Lalaurie nicht davon überzeugen, sich der aus ihrer (post-)kolonialen Sicht geheuchelten Political Correctness des 21. Jahrhunderts anzupassen. Ob darin eine implizite Enttäuschung der Autoren über den Mangel an Veränderung mithilfe intensiver Mediennutzung zum Ausdruck kommt, muss an dieser Stelle allerdings dahingestellt bleiben.

Die blutige Ausbeutung der schwarzen Rasse wird über das eben Skizzierte hinaus mit einer Festschreibung von Klischees und meist tierischen Zuschreibungen untermauert (man denke nur an die brutale wie mythisch stichhaltige Verwandlung eines der Sklaven von Lalaurie in einen griechischen Minotaurus), die sowohl in der Vergangenheit wie Gegenwart von Coven immer wieder verschiedentlich wachgehalten werden. Aber Murphy und Falchuk machen es nicht so einfach, es bei einer nur allzu schematischen und damit letztlich speziell den aktuellen Kern des Problems außer Acht lassenden Unterteilung in „böse weiße“ und „tyrannisierte schwarze“ Rasse zu belassen. Denn obwohl gerade Queenie aufgrund ihrer gesamten Körperlichkeit auch unter den Junghexen einen äußerst schweren Stand in Sachen Vorurteilen hat, zeigt sich in Gestalt der Voodoo-Magierin Marie Laveau (grandios interpretiert von Angela Bassett), wie eine überzeitlich unversöhnliche Anti-Haltung, die auf Rachegefühlen aufgebaut ist, die Spaltung innerhalb einer lokalen Gemeinschaft zementiert anstatt sie zu überwinden. Zwar werden sich die Partien in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder annähern, doch liegt dies meist in einer akuten Krise begründet, die etwa in Form (männlicher) Hexenjäger bei der Ausrottung der Magierinnen nicht zwischen schwarz und weiß unterscheiden will. Dass genau bei der Ausrottung der „Abweichlerinnen“ eine zutiefst patriarchale Einigkeit unter den Männern herrscht, verweist auf die in der gesamten Serie spannende wie kritische Aufarbeitung männlich-weiblicher Rollenmuster.

Sarah Paulson und Jessica Lange

Gegen das Patriarchat, so legen es auch weitere historische Ausflüge von Coven etwa zur Zeit der britischen Frauenrechtsbewegung der Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts nahe, müssen sich die Hexen zusammenraufen, um überleben zu können. Denn nicht nur Afroamerikaner sind Opfer einer sie diffamierenden Kultur. Frauen können dieses Lied mit ähnlichen Tönen anstimmen, auch wenn Coven diese Verbindung mit einigen gewohnt sehr starken Frauen wie Oberhexe Fiona oder Voodoo-Meisterin Marie fast etwas „verschleiert“. Murphy und Falchuk gehen allerdings zu konsequent innerhalb ihrer Anthologie vor, um nicht auch für diese beiden Figuren eine männliche Instanz zu kreieren, die Fiona und Marie in den Kreislauf männlicher Beherrschung integriert: Beide Anführerinnen finden am Ende der Staffel ihr Ende in ihren persönlichen Alpträumen, die sie der legendäre Voodoo-Geist Papa Legba in der Hölle durchleben lässt. Da Marie wie Fiona mit Papa Legba einen geradezu ur-faustischen Pakt eingingen, ist ihre Seele ohne Aussicht auf Rettung verloren. Die wird ihren „Abkömmlingen“ wie Fionas Tochter Cordelia, Zoe und auch Queenie zuteil, die am Ende von Coven als eine Art Dreigestirn der Hoffnung auf einen Frieden zwischen den (Hexen-)Rassen die Akademie gemeinsam in ein besseres Zeitalter für alle Hexen führen wollen. Ähnlich wie in den vorherigen beiden Staffeln, skizziert American Horror Story speziell mit diesem Abschluss Momente der Hoffnung und einer geradezu christlichen Vergebung, die allerdings bei aller Naivität nicht verhehlen können, zu welchem Preis sie auch diesmal erkauft sind. Denn der Aderlass der Hexen wird bis zu diesem Moment gewaltig sein und hauptsächlich von egoistischen Machtgelüsten oder Profilneurosen motiviert sein, der das idyllische Schlussbild der Staffel mit seinen offenen Pforten für alle (verfolgten) Hexen wie eine Momentaufnahme ohne nachhaltige Substanz aussehen lässt.

Angela Bassett als Marie Laveau

Keinesfalls vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang der von Lalaurie, Marie und Fiona obsessiv betriebene Fluch einer Jagd nach ewigem Leben oder Schönheit. Auch wenn sich Lalaurie, die schließlich nie über echte Magie verfügte, in der Gegenwart als gefangene Haushälterin Fionas (also in einer „zivilisierten“ Form der Dienerschaft) den Tod als Erlösung ihrer Qualen wünscht, kann vor allem Fiona nicht von ihrer Allmacht als eleganter Oberhexe lassen und ist gewillt jeden noch so großen Preis dafür zu bezahlen. Bedroht von der Jugendlichkeit der Nachfolgehexen wie Madison, die Fiona folgerichtig allesamt auszuschalten versucht, ist es bei aller vorgehaltener Souveränität Fionas vor allem eine Angst, die sie antreibt: Nicht mehr in einer Bar der Blickfang junger Männer zu sein, denen sie in mehrfacher Hinsicht wie ein Sukkubus das Leben aussaugen kann. Das mit der Ökonomie der Schönheitsindustrie unverbrüchlich verbundene Phantasma langanhaltender Schönheit, findet bei den reiferen Damen der Serie ein ernüchterndes Ende. Doch es sind nicht allein die belastenden Blicke einer nach Jugendlichkeit dürstenden Gesellschaft, die Lalaurie, Marie oder Fiona selbst mit vielen Jahrzehnten Abstand ihrer tatsächlichen Lebensalter zu vergleichbaren Taten anstiftet. Die Toten bürden mit ihren Blicken den Lebenden eine nicht minder schwere Last auf. Besonders markant wird die Last der historischen Bürde in Form einer Ahnengallerie in der Akademie vorgeführt. Seit der Gründung des Zirkels durch die Ur-Hexe Miss Robichaux wird jede Oberin mit einem Porträt verewigt. Besonders Fiona wird immer wieder an ihre Schande erinnert, sich dieser altehrwürdigen Traditionslinie nicht angemessen gefügt zu haben. Gleichzeitig stehen die Porträts aber auch für eine konserviert, aber eben auch tote „Zeitlosigkeit“, die Fionas alternder und kranker Körper als perspektivisches Ende ihrer Kräfte nicht erträgt.

Watching a Dokufiction?

Wie tief der Bruch zwischen schwarz und weiß verläuft, wird in Coven bereits mithilfe der in nahezu jeder Phase ausgestellten Colorierung deutlich. Sei es das (weiße) Haus der Hexen, ihre kontrastreicher Kleidungsstil oder eben unterschiedliche Hautfarben: schwarz und weiß strukturieren auch visuell als Trennlinien das Hauptthema dieser Staffel. Der Schauplatz New Orleans könnte in diesem Kontext kaum besser gewählt sein, denn die Stadt umweht einerseits ein ganzes Sammelsurium mystischer Legenden um Voodoo-Magie, die vor allem mit der schwarzen Kultur fusionierte (was eine Serie wie True Blood ebenfalls äußerst atmosphärisch umsetzen konnte). Andererseits fungiert New Orleans spätestens seit der von Hurrikan Katrina verursachten Katastrophe als Symbol einer Trennung aufgrund der missglückten Hilfestellungen durch die Behörden, die der schwarzen Bevölkerung ihre unterprivilegierte Stellung in aller Not zum wiederholten Male sehr drastisch vor Augen geführt hat. Die prächtigen Kolonialhäuser der Stadt, wie sie auch die Hexen bewohnen, bilden einen starken Kontrast zu den eher ärmlichen Räumlichkeiten des Friseursalons von Marie Laveau, die es in der Gegenwart zwar zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat, jedoch über eine bestenfalls als Mittelschicht zu bezeichnenden Standard nicht hinausgeht.

Auch das in der Serie ohnehin beliebte Spiel mit verschiedenen Medien und Künsten, die in den jeweils miteinander verwobenen Epochen der Staffeln auftreten, fügt sich mustergültig in das Gesamtkonzept ein. Der extrem anspielungsreiche Opening Credit der Staffel verknüpft in einer gewohnt virtuosen Montage verschiedenste Bilder und Sequenzen, die eine Atmosphäre der Bedrohung wie auch der Uneindeutigkeit des Gezeigten evozieren. Zu sehen sind beispielsweise sowohl alte Skizzen als auch scheinbar „reale“ Videoaufnahmen von Ungeheuern, Hexen und Menschen in Kutten, die eindeutig auf den rassistischen Ku-Klux-Klan Bezug nehmen. Die Realität der Versklavung, Verfolgung oder gar Verbrennung von vermeintlichen Hexen und Schwarzen vermischt sich mit monströsen Legenden, die seit Jahrhunderten in verschiedenen Medien ihre Fortsetzung erleben. Mithilfe der schnellen Schnitte innerhalb des Opening Credits wird man immer dazu angehalten, nochmals genauer hinzusehen, was sich dort eben noch vermeintlich gezeigt oder als optische Täuschung „anzitiert“ wurde. In eine ähnliche Richtung gehen die mehrfach in der Staffel verwendeten Stummfilmsequenzen, die in ihrer expliziten Künstlichkeit (etwa inklusive Textinserts und Lochblenden wie im frühen Kino) gar nicht zu verhehlen versuchen, dass es sich um filmische und damit ästhetische Referenzen handelt, die nicht mit Kategorien der Dokumentation in Verbindung stehen. Filme und andere Medien schufen einen Mythenkosmos, der zwar auf die Realität Bezug nimmt, sie aber wie im Fall von American Horror Story umdeutet und die Tradition der Vererbung von Erzählungen akzentuiert. So hält auch Coven dazu an, stets die vermeintliche oder auch sehr grausame Wahrheit hinter den Mythen aufzuspüren und zu hinterfragen.

Danny Huston als Axeman

In dieses Spektrum fügt sich mit dem Serienmörder Axeman (Danny Huston) ein weiteres Grundmotiv der gesamten Serie ein, nämlich die gesellschaftliche Faszination für Serienkiller. Der real existierende Mörder versetzte in New Orleans zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Angst und Schrecken, wurde jedoch nie gefasst. Die sich um ihn rankenden Theorien zu seiner Existenz und seinem Verbleib greift die Serie auf und lässt den Axeman als Fionas Liebhaber wieder auferstehen. Die kulturelle Faszination für Serienmörder geht auch in Coven mit einer regelrechten Museumskultur einher, die mit Madame Lalauries Haus ein Pendant zum Murder House der ersten Staffel liefert. Zahlende Kundschaft lässt sich durch die Dachkammer des Hauses führen und labt sich an Lalauries Foltertaten wie der Serienzuschauer. Horror still sells.

Sag „Ja“ zum Scheiterhaufen: Genres, Zombies und andere Irritationen

Die dritte Staffel ist erneut ein exzellentes Beispiel dafür, wie American Horror Story mit Genres jongliert und in verschiedenen Konstellationen durchspielt. Das Teenager-Drama um Zoe und die anderen Junghexen spielt etwa insbesondere anhand von Madison nahezu alle Klischees der zeitgenössischen Celebrity-Bitch durch, die sich hinter ihrer eiskalten Schönheit nur nach Liebe sehnt, aber letztlich sogar vergewaltigt wird. Da die Schöpfer der Serie das satirische Potenzial ihrer Madison offenbar erkannt haben, ist es nicht verwunderlich, dass ihre Darstellerin Emma Roberts auch in der Horror-Comedy Scream Queens eine ähnliche Hauptrolle übernahm. Neben dem Genre des Teenager-, Rassen- oder auch Familiendramas durch Themen wie Inzest, Vergewaltigung und Mord darf auch der mittlerweile salonfähige Zombie-Film ein Gastspiel in der Staffel geben. Die von Marie beschworene Untoten-Armee wird von Zoe natürlich genrekonform mit einer Kettensäge zerlegt.

Zombies bzw. Zombifizierung als Grenze zwischen Leben und Tod nehmen in der Staffel eine enorm wichtige Position im Gesamtgefüge ein. Nicht umsonst werden sich Zoe und Madison (zeitweise sogar in einer Ménage-à-trois) um ihren frisch aus den Leichen der Vergewaltiger von Madison zusammengesetzten Frankenstein Kyle (Evan Peters) zanken, ehe Zoe als Good Girl den Sieg der wahren Liebe davontragen darf. Nur der untote Kyle kann Zoes vaginalem Tod widerstehen und übernimmt am Ende der Staffel die eher devote Rolle des Hausbutlers von seinem Vorgänger Spalding (Dennis O´Hare), dessen perverse Obsession für Puppen (und Madisons Leiche) erneut als Beleg für das komplexe Verhältnis zwischen Leben und Tod in der Serie fungieren mag. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist relativ beliebig gezogen, da fast jede Figur einmal in den Genuss des Todes, der Wiederbelebung und einer erneuten Tötung kommt. Dazu passen die selbst von den Hexen rechtlich durchgesetzten Verbrennungen innerhalb ihres eigenen Zirkels. Hexenratsmitglied Myrtle Snow (Frances Conroy in einer wunderbar schrulligen Rolle) darf gleich zweimal den Scheiterhaufen besteigen. Der Unterschied: Beim ersten Brand war sie Opfer einer Intrige, während sie beim zweiten Mal selbstbestimmt und endgültig in die Flammen steigt, um dem  Generationenwechsel des Zirkels nicht im Wege zu stehen. Der selbstbestimmte Tod wird zum Akt der Freiheit. Selbst dann, wenn man sich mit dem Scheiterhaufen paradoxerweise genau der Todesart bedient, die jahrhundertelang als Inbegriff des Machtmissbrauchs und der Willkür galt.

Frances Conroy als Myrtle Snow

Zu welchem Ende studiert man Hexen an der Miss Robichaux's Academy?

Ein Fazit zu Coven könnte etwa folgendermaßen lauten: Eine Staffel, die bei allen dramaturgischen Wirrungen mehr zu bieten hat, als es der erste Blick erahnen lässt. Zwar droht die Staffel an der Last der Motivketten zeitweise zu ersticken, dennoch belegt sie erneut, was man mit einer Horror-Serie entwickeln und über Kultur aussagen kann. Hexen wie Zoe, Madison, Queenie oder Nan zeigen das Spektrum der Zuschreibungen auf, die sich mit dem Begriff Hexe als Facetten der Abweichung von einer Norm erfassen lassen können. Am Ende mag zwar das Ideal eines öffentlichen, für alle zugänglichen und friedlichen Zirkels Einzug zu halten, aber dass beispielsweise gerade die historisch wichtige Bewegung der Suffragetten in England in Coven als verfolgter Hexenzirkel inszeniert wird, legt nahe, wie flexibel mit dem Begriff in der Kulturgeschichte umgegangen wird, um Frauen zu denunzieren. Für eine solche Aussage einer popkulturellen Mainstream-Serie nimmt man selbst eine trällernde Stevie Nicks in den altehrwürdigen Hallen der Robichaux´s Academy in Kauf.

Alexander Schlicker

American Horror Story - Coven / USA 2013 / 13 Episoden / Fox / Idee: Ryan Murphy, Brad Falchuk / Darsteller: Taissa Farmiga (Zoe Benson), Kathy Bates (Delphine Lalaurie), Jessica Lange (Fiona Goode), Angela Bassett (Marie Laveau), Evan Peters (Kyle Spencer), Sarah Paulson (Cordelia Goode), Lily Rabe (Misty Day), Frances Conroy (Myrtle Snow), Emma Roberts (Madison Montgomery), Gabourey Sidibe (Queenie), Danny Huston (The Axeman), Dennis O´Hare (Spalding), Jamie Brewer (Nan)

Alle verwendeten Bilder: © 2016 Twentieth Century Fox Home Entertainment, Inc. All Rights Reserved.

 

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Voraussichtlich ab Sommer 2017 verkünden wir Euch hier erste Serien-Highlights für die dritte SERIENCAMP-Season.

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Mit päpstlichem Segen in die erfolgreiche zweite Season: Besucherrekorde, Preisträger und was ihr sonst noch zum SERIENCAMP 2016 wissen (und sehen) müsst.

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Wir bedanken uns bei unseren diesjährigen Partnern!

 

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WRITERS’ ROOM:LAB für fiktionale Serienentwicklung geht in die zweite Runde! Bewerbung bis 26. Mai 2017 möglich.

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Bis 31. Juli 2017 können Sie hier Ihre vergünstigten Early-Bird-Tickets für die Conference 2017 vorbestellen.

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Schwerpunkte Themen und Gäste der zweiten Professional Days 2016.