American Horror Story Asylum Schwester Jude

American Horror Story - Asylum

When Therapy is (not) the end

Neu und doch nicht alles anders: Mit einem unheiligen Irrenhaus und variierenden Figurenprofilen lässt die zweite Staffel der Horror-Anthologie das Setting des Vorgängers hinter sich, beweist bei genauer Betrachtung allerdings ein ungebrochenes Gespür für Themen jenseits von Schuld und Sühne. Ein (nicht ganz SPOILER-freier) Streifzug.

Man könnte es schlicht genial nennen, wenn es innerhalb des von Ryan Murphy und Brad Falchuk erdachten Gemischs aus nahezu sämtlichen Mythen, Pulp-Erzählungen und Figurationen amerikanischer Horror-Geschichte nicht fast schon auf der Hand liegen würde. Die zweite Staffel von American Horror Story (auch bei Amazon erhältlich) gibt nämlich Antworten auf Fragen, die man sich zwar vielleicht noch nie bewusst gestellt hat, die jedoch retrospektiv in ihrer Entwicklung dermaßen viel Charme entwickeln, dass man auch über die ein oder andere Schwäche der Staffel hinwegsehen darf. Was haben etwa Aliens, Nazis und die katholische Kirche gemeinsam? Was macht Nonnen sowohl zum perfekten Gefäß für den Fürst der Finsternis als auch zur Reflexionsfigur patriarchaler Machtstrukturen? Und ebenso im Repertoire: Was haben Kardinaltugenden wie Glaube und Liebe mit der erneut engagiert angeprangerten Kontinuität amerikanischer Geschichte zu tun, in der Rassismus und sexuelle Diskriminierung omnipräsent sind? Auch in Asylum gilt das Credo, wonach jeder gesellschaftliche Schrecken Abgründe produziert, die über die plakativen Bluttaten einer auch diesmal äußerst agilen Slasher-Figur hinausgehen.

Wie der Vater, so der Sohn

Die auch diesmal mehr latent präsente Serienkiller-Figur hört auf den Namen Bloody Face. Murphy und Falchuk basteln um diese Figur herum eine Generationengeschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und im Stile eines Vater-Sohn-Dramas funktioniert, indem der Vater seinem Nachkommen nichts anderes hinterlässt als sein Werk des Grauens. Weder Liebe noch eine andere positive Botschaft kann ein identifikatorisches Band zwischen den Generationen knüpfen. Es bleibt nur die pathologische Imagination eines Kampfes um den Stolz des Vaters mithilfe des Mordens. Der Zuschauer wird in der Exposition der Staffel Zeuge des Erbes, das Bloody Face nach seinem Ableben hinterlassen hat, als ein im wahrsten Sinne sensationsgeiles Pärchen mit dem Einstieg in ein längst verfallenes Gemäuer genau den Fehler begeht, der zum Inbegriff eines Horror-Klischees reifen durfte - Man sollte sich nie zu sicher sein. Genau wie in Murder House ist es der Reiz des Serienkiller-Mythos, der das Paar zu sexuellen Höhepunkten treibt, ehe Bloody Face ihrem Treiben ein Ende setzt. Denn der Mythos eines Mörders überdauert selbst den Tod seines Initiators. So ist Asylum am Ende nicht nur die weitere Geschichte eines perfiden Mörders, der sein Gesicht nicht nur hinter einer grotesken Maske zu verbergen imstande war, sondern vor allem eine Parabel auf die Anziehungskraft des Mordens, die nur dann zum Genuss taugt, wenn man sich wie vor dem heimischen Bildschirm in Sicherheit weiß. Manche Faszinationen erlöschen schließlich nie.

God and some aliens have entered the building

Schon das Setting der zweiten Staffel schlägt zwar ein neues Kapitel auf, führt allerdings den Topos des Murder House als Ort des Ein- und Ausschlusses gebrandmarkter Existenzen aus der Vorgängerstaffel unter den Vorzeichen einer öffentlichen Anstalt letztlich konsequent fort. Erneut vermengen die Autoren ausgehend von den 1960er Jahren verschiedene Zeitebenen, die sich um einen Handlungsort ranken, nämlich in diesem Fall um die psychiatrische Klinik Briarcliff. Geführt von der katholischen Kirche und unter der höchst strengen Leitung der mehr als renitent alttestamentarischen Oberschwester Jude, spielt American Horror Story das Motiv der Irrenanstalt konsequent aus, indem Briarcliff nicht nur verschiedene Horror-Topoi in sich vereint, sondern vor allem auch eine wichtige Genretugend beherzigt, die schon Murder House kennzeichnete: Wer einmal in die Fänge der Anstalt gerät, kann kaum entkommen und muss zumindest mit den körperlichen wie psychischen Folgen weiterleben. Psychotherapie wird ganz im Sinne der Medizin der 1960er Jahre als medikamentöse und physische Tortur inszeniert, die unter dem Mantel christlicher Werteerziehung vor allem dazu dient, Patienten zu brechen und sie mit den Mitteln religiös autoritärer Führung zu heilen. Eine Sozialisation der perfiden Art, die nur über Angst sowie den Zwang zur totalen Selbstentblößung und Selbstaufgabe funktioniert. Jessica Lange lässt in einer erneut furiosen Darbietung als Schwester Jude keinen Zweifel daran, dass Gottes Vergebung mehr wert ist als jeder psychotherapeutische Behandlungserfolg, an den spätestens seit Woody Allens Filmen ohnehin niemand so recht glauben mag im Kosmos einer Fiktion.

Die Serie spielt mit einer schon historisch gefährlich instrumentalisierten Vermischung aus Psychologie, Medizin und Religion, die in den dystopischen Gemäuern Briarcliffs eine atmosphärisch sehr stimmige Verbildlichung erfährt, die sich in den auch visuell leicht überzeichneten Look der gesamten Serie stilgerecht einfügt. Nun wäre American Horror Story aber nicht das, was es ist, wenn es diesen Hintergrund nicht mit den gerade filmhistorisch überformten Alpträumen grotesker Irrenhäuser mit unkontrollierbaren Freaks und wahnsinnigen Killern überlagern würde, um einen Plot zu entwickeln, der wie in der ersten Staffel den Horror einer Fiktion als symbolische Verdichtung äußerst realer Ängste greifbar macht. Briarcliff ist ein Ort der Angst, der all diejenigen einschließt, die sich an den Regeln der bürgerlich amerikanischen Gesellschaft mit ihren konservativ rassistischen Normen vergehen. Wer nicht nach diesen Regeln spielt, wird Opfer einer Stigmatisierungsgewalt, die im Namen Gottes kein Erbarmen kennt. Im Kontext einer solchen Ideologie scheint es nur folgerichtig, wenn der eigentliche Leiter der Anstalt als äußerst bigottes Oberhaupt nur seine eigenen Ambitionen auf kirchliche Ämter verfolgt und dabei auch nicht davor zurückschreckt, mit einem ehemaligen Nazi-Arzt zu kooperieren. Der Mensch wird in Briarcliff zum Versuchstier, an dem sich somit gleich mehrere Ängste der Kulturgeschichte abarbeiten. Im Sinne vermeintlichen Fortschritts werden unbescholtene Freigeister wie der mit einer schwarzen Frau heimlich verheiratete Kit Walker (Evan Peters) oder die lesbische, unbequem ermittelnde Journalistin Lana Winters (Sarah Paulson) unter falschen Verdachtsmomenten eingekerkert und misshandelt.

Wie in der vorherigen Staffel artikuliert auch Asylum keine  faktenuntermauerte Kritik, die in diesem Fall ein zumindest stillschweigendes Bündnis aus Politik, Faschismus und Kirche thematisiert, doch die Staffel erschöpft sich auch nicht in der Ausschlachtung einer solchen angstschürenden Konstellation. Denn mit einer ganzen Reihe von Alien-Entführungen, die mit ihren Visionen von Analuntersuchungen und ungewollten Befruchtungen in der Familie Walker kein Klischee auszulassen drohen, beschwört Asylum erneut das Motiv der Paranoia, das nicht nur für Amerika eine überzeitliche Gültigkeit reklamiert. So konkret die Angst vor dem Eingriff in die Lebensfreiheit des Einzelnen auch sein mag, die Projektion auf allerlei diffuse Angstgestalten wie Aliens, Nazis und vom Teufel besessene Nonnen in schwarz-gothischen Bauten zitiert auch die Lust einer Kultur an Verschwörungstheorien und Aberglauben, die sich als Deutungsangebote innerhalb einer Gesellschaft immer wieder aktualisiert einrichten. Asylum lässt jede dieser Richtungen ohne eindeutige Hierarchie bestehen und gibt dieser Mixtur in einigen brillant unerwarteten Wendepunkten eine höchst melancholische, geradezu zärtlich durchdeklinierte Eigengravität. Der Tod ist schließlich schon seit der ersten Staffel nur ein mögliches und nicht zwingend finales Ende in American Horror Story.

Ein Cast voller Wiedergänger

Nicht weniger facettenreich fällt das Spiel mit den zahlreichen wiederkehrenden Schauspielern aus, die in meist nur vordergründig gegensätzlichen Rollen ihre eigene Darbietung aus der letzten Staffel fortführen dürfen. Allen voran Jessica Lange als beinharte Schwester Jude, die sich nach ihrer persönlichen kathartischen Rettung in die Hände kirchlicher Obhut begab und nachfolgend die erzkonservative Negativfolie einer von ihren eigenen Ansprüchen längst pervertierten Anführerin abgibt, darf eine bemerkenswerte Wandlung in ihrem Kampf gegen die patriarchale Gewalt und ihre eigene Unmenschlichkeit vollziehen. Evan Peters, der als Langes Sohn Tate in Murder House noch in seiner Verletzlichkeit zu den schlimmsten Optionen griff, muss als Kit Walker nun selbst das denkbar Schlimmste ertragen und als Retterfigur seine persönliche Heilsgeschichte durchleben.

Neben Zachary Quinto, der in seiner Rolle als letztlich undurchsichtiger Psychotherapeut Dr. Oliver Thredson gleich mehrere Klischees bedienen darf, ist es aber vor allem Sarah Paulson vorbehalten, als Lana Walker die vielleicht eindrucksvollste Performance abzuliefern. Paulsons Weg von einer nach Ruhm strebenden, mehrfach verratenen Journalistin hin zu einer illusionsfreien Autorin, die mit einer selektiv aufgehübschten Autobiografie über ihre Erlebnisse in Briarcliff zum Star einer ganzen Frauengeneration avanciert, gehört zu den absoluten Höhepunkten der gesamten Serie. Tragischerweise aus richtigen Gründen korrumpiert sich Paulsons höchst manipulative Figur und bleibt dennoch mit ihren erlittenen Schicksalsschlägen sowie deren traumatischen Konsequenzen stets nahbar und vor allem nachvollziehbar bis zum finalen Schuss. Jeder der Charaktere lässt sich als Wiedergänger einer früheren Staffelpersona interpretieren, was die Serie als Konzept mit einer zusätzlichen Tiefendimension ausstattet. Charakterdarstellerinnen wie Lange und Paulson zeigen in ihren Rollen beispielsweise höchst eindrucksvoll, wie sich Frauen innerhalb einer männlich dominierten Gesellschaft beweisen und zu welchen Mitteln sie greifen müssen, um nicht zur Blaupause einer weiblichen Pseudo-Emanzipation zu verkommen. Lücken- oder gar bruchlos geht diese Transformation in American Horror Story allerdings passenderweise nicht auf. Auch in dieser Hinsicht kommentiert die Serie einen kulturellen Wandel unter dem Mantel der Horror-Fiktion erstaunlich realistisch: Der Weg zur Selbstbestimmung kann nicht ohne Verluste auskommen.

Und vergib uns unsere Schuld

Asylum bestätigt, wie ernst es Murphy und Falchuk mit ihrer Serie als Anthologie ist. Motive wie Schuld, Sühne und vor allem mögliche Wege der Verarbeitung dekliniert die Staffel an nahezu allen Figuren höchst metaphorisch, gleichzeitig aber auch sehr plastisch konkret durch. In der Zeitstufe, die innerhalb der Episoden als Gegenwart fungiert, ist Briarcliff nur noch ein altes Gemäuer, in das Horror-Fans pilgern, um sich dem Reiz des Monströsen hinzugeben und die Erinnerung an die Vergangenheit zu beschwören. Doch genau das zeigt die Serie eben auch: Die Irrenanstalt als Topos funktioniert nur mithilfe von Übertreibungen und Verfälschungen als ein spannender Mythos, für den sich Freunde des gepflegten Horrors dann noch interessieren. Was wirklich in Briarcliff passierte, bleibt daher innerhalb der Erzählung stellenweise ebenso offensiv im Unklaren wie Lana ihre Autobiografie manipuliert. Gerade Kit und Schwester Jude stellen wohl am deutlichsten mit ihren Lebensgeschichten das aus, was ein Serienkiller wie Bloody Face nicht ausradieren kann und was aus American Horror Story bei aller Subversion letztlich auch eine sehr bodenständige Serie macht: Eine tiefe Melancholie der Vergebung, die nur den Wenigsten vergönnt ist.

Autor: Alexander Schlicker

American Horror Story - Asylum / USA 2012 / 13 Episoden / Fox / Idee: Ryan Murphy, Brad Falchuk / Darsteller: Joseph Fiennes (Timothy Howard), Jessica Lange (Schwester Jude), Evan Peters (Kit Walker), Zachary Quinto (Dr. Oliver Thredson), Sarah Paulson (Lana Winters), James Cromwell (Dr. Arthur Arden/Hans Gruber), Lily Rabe (Schwester Mary Eunice)

Alle verwendeten Bilder: © 2016 Twentieth Century Fox Home Entertainment, Inc. All Rights Reserved.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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