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What the Lynch is going on?

Erste Eindrücke zum Start des "Twin Peaks"-Revivals

Bemisst man das Standing eines Künstlers an der Anzahl seiner Exegeten, zählt David Lynch unbestritten nicht nur für Filmwissenschaftler zu den prägendsten Autorenfilmern der letzten Dekaden. Kaum ein Werk wurde dermaßen oft wissenschaftlich beleuchtet und feuilletonistisch bestaunt wie die Filme von Lynch, der mit fast jedem Auswurf zwischen „Eraserhead“ und „Inland Empire“ unantastbare Klassiker ablieferte.

Seine erratischen Alptraumwelten zeichnen sich durch eine pittoresk verschachtelte Filmsprache aus, die vor allem von einem Hang zum subtil surrealen Horror und einer unbeirrbaren Liebe zum Mystizismus getragen wird. Dass sich Lynch mit seinen zuweilen absurden Aussagen zu seiner spiritistischen Weltsicht als eine mit ihrem Image kokettierende Kunstfigur in das kulturelle Gedächtnis eingebrannt hat, passt spätestens auf den zweiten Blick zu seinen doppelbödigen Figuren sowie seinen sich gerne in mehrere Bewusstseinsströme aufspaltenden Realitäten.

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Mit „Twin Peaks“ hinterließ Lynch in Kooperation mit seinem oft unterschätzten Showrunner-Sidekick Mark Frost zu Beginn der 90er auch im Fernsehen gewaltige Fußstapfen, die zunächst für hemmungslose Begeisterung, spätestens aber gegen Ende der zweiten Staffel auch verwirrtes Kopfschütteln auslösten. Selbst Fans sehnten sich nach der Aufklärung der Mutter aller postmoderner Mordfälle um Teenqueen Laura Palmer speziell im Strudel der zunehmend ausufernden Erzählstränge nach einem würdigen Finale, das sich im grandiosen Finale mit Agent Coopers Eintritt in die samtene Parallelwelt der Black Lodge dann doch ergab. Daran schließt nun über zwei Jahrzehnte später die dritte Staffel an, die trotz der ausgeprägten Widerständigkeit des Lynch´schen Oeuvres nicht nur vom Feuilleton kaum euphorischer hätte herbeigesehnt werden können. Die Story? Natürlich ein Geheimnis. Und jede noch so nebulöse Andeutung wurde im Vorfeld aufgesaugt, als würde Gott selbst neue Gebote diktieren.

Rückblickend hat „Twin Peaks“ als ambitionierter Genremix aus Soap, Crime und Mystery die TV-Landschaft maßgeblich (mit-)verändert, doch die Fortsetzung muss sich im Jahre 2017 bei aller Neugier zunächst die Sinnfrage gefallen lassen. Die ersten Episoden geben darauf nur eine kryptische und für Lynch damit letztlich konsequente Antwort. Neueinsteiger, um die es dem Meister noch nie ging, erhalten von der ersten Episode an nicht den Hauch einer Chance, in der Staffel Fuß zu fassen. Zu unvermittelt werden neue Figuren und ungewohnte Settings wie South Dakota oder New York eingeworfen und mit den bereits bekannten Charakteren ungeniert verrührt. Wer keinen Stadtplan für Lynchville hat, wird sich schnell wieder abwenden und das Gesehene wahrscheinlich als leicht abgestandene, etwas zu bemüht verkünstelte Performance verbuchen. Denn auch wenn der Ansatz in sich stimmig sein mag; der Nicht-Fan und gegenwärtige Serienkucker kann das Konzept dahinter kaum erkennen.

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Für Jünger des Meisters entpuppt sich der Start spätestens ab Folge drei hingegen als Revival typischer Lynch-Motive wie Doppelgänger, Spiegelungen, Realitätsverschiebungen, mediale (Selbst-)Beobachtungen und die Ausleuchtung einer oft genug schaurigen Alltäglichkeit. Die große Exegetenschar darf sich wie in den guten alten Zeiten auf die Suche nach der Bedeutung von geheimnisvollen Symbolen und mystischer Rätsel begeben und sich dabei vielleicht fragen, ob man nicht viele davon bereits so ähnlich in früherer Zeit bereits verfolgt hat. Denn das ist bei aller Liebe zu Lynch eine Crux der neuen Folgen: sie durchzieht eine zuweilen schwer verdauliche Nostalgie, deren Patina kaum zu übersehen ist.

War „Twin Peaks“ damals eine echte Revolution, so kann davon heute bei all den vielen, vor allem richtig gut ausgearbeiteten Nischen im Serienbereich keine Rede mehr sein. Natürlich bot Lynchs Serie die Blaupause für wichtige Klassiker wie „X-Files“, ohne das es wiederum großartige Serien wie aktuell „Legion“ kaum gegeben hätte. Doch diese Kette hat mit dem damaligen „Twin Peaks“ zu tun; nicht mit dem heutigen.Vor diesem Hintergrund wird es spannend sein, ob das Wiedersehen mit einst lieb gewonnenen Figuren wie Dale Cooper oder der Log-Lady gerade im Zusammenspiel mit den neuen Elementen über die ganze Staffel mehr sein kann, als ein Klassentreffen für Lynchianer, die im schlimmsten Fall nach einigen Episoden die Tanzfläche verlassen, weil der Zauber früherer Tage vor dem Hintergrund moderner Serien nicht mehr zündet.

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Ein Schicksal, das viele Reboots und späte Fortsetzungen teilen, wie sie in jüngster Zeit etwa mit „24 – Legacy“, „Roots“ oder eben auch den „X-Files“ zuhauf produziert wurden. Bleiben noch zwei Fragen, die sich daran anschließen: Kommen bald auch neue Folgen von Klassikern wie „Lost“ oder „Sopranos“? Und viel wichtiger: Lässt sich das, wofür diese Meilensteine vergleichbar mit „Twin Peaks“ seriengeschichtlich stehen, tatsächlich noch sinnvoll in den heutigen Serienmarkt transportieren?

Die dritte Staffel von „Twin Peaks“ läuft parallel zur US-Ausstrahlung immer in der Nacht vom Sonntag auf Montag auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket sowie ab 25. Mai ab 20.15 Uhr wahlweise auch auf Deutsch auf Sky Atlantic HD.

Text: Alexander Schlicker

Fotos: Sky/Showtime

 

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