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I Love Dick

Time for some Obsession

Bevor Klischees überhaupt so richtig krachend gebrochen werden können, muss man sie zunächst gekonnt zelebrieren. Wie das geht, führt die erste Staffel des von Jill Soloway verantworteten Amazon Originals „I Love Dick“ vor, die als Teil der letztjährigen Pilot-Season in diesem Monat mit 8 Episoden endlich auch komplett gestartet ist. Schon im Titel dieser atemlos provokanten Literaturadaption des gleichnamigen feministischen Meisterwerks der amerikanischen Autorin Chris Kraus schwingt ähnlich wie in Soloways Transgender-Meilenstein „Transparent“ (auch bei Amazon) viel spielerischer Feinsinn zwischen Sex und Charakterisierung mit, der sich kaum semantisch verlustfrei ins Deutsche übertragen lässt. 

Wenn Altstar Kevin Bacon als wortkarger Cowboy in einer texanischen Kleinstadt umherschreitet, obwohl seine Profession darin besteht, mit seinem Charisma den Leiter eines Kunstinstituts zu geben, vereinen sich in seiner Figur des Dick zwei divergierende Konzepte. Ein Cowboy mit Ranch als wortkarger Kunstdozent, dessen Wort und Werk trotz oder wegen seiner enigmatischen Kälte eine kurios entrückte, dennoch als herzlich skizzierte Riege an Künstlern in Atem hält, gehört ohne Übertreibung zu den spannendsten Performances dieses Serienfrühlings.

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Doch selbst ein Charismatiker wie Dick würde zur Randfigur verkommen ohne das alternde Intellektuellen-Ehepaar Sylvère (Griffin Dunne) und Chris (brillant in ihrer furiosen Emotionalität: Kathryn Hahn), das wegen eines Stipendiums für Sylvères Buch über die Ästhetik des Holocaust von New York nach Texas zieht. Doch schon bei der ersten Begegnung mit ihrem Gastgeber, entwickelt Chris eine völlig irrationale Obsession für den selbstgefällig auftretenden Dick, der nicht nur ihre eher erfolglose Arbeit als Avantgardefilmerin kritisiert, sondern auch sie als Frau völlig verunsichert.

Chris zieht aus der Situation allerdings einen eigenwilligen Schluss, indem sie Briefe an Dick schreibt, in denen sie ihren wilden Gefühlen freien Lauf und sie sogar zur öffentlichen Performance werden lässt. Der subversive Gedanke dahinter: Nicht sie ist das Objekt des Kritikers, sondern Dick. Der Cowboy-Künstler findet sich daraufhin bald selbst in einer echten Existenzkrise wieder, die ihn zu einer echten Auseinandersetzung mit Chris und sich selbst zwingt.

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Was sich spätestens ab der Hälfte der Staffel durchsetzt, ist das Konzept eines nach Autonomie ringenden Schreibens, wie es schon der autobiografisch durchsetzte Briefroman der realen Schriftstellerin Chris Kraus Ende der 90er in aller Konsequenz erfolgreich durchexerziert hat. Filmisch irgendwo zwischen Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard, Woody Allen und Jane Campion angesiedelt, ist „I Love Dick“  trotz seines Humors vor allem ein Drama, das mit seiner Eigenwilligkeit überzeugt. Wer eine leichte Intellektuellenkomödie erwartet, wird sicher enttäuscht sein. Doch wer in Zeiten einer noch oft genug klischeehaften Thematisierung von Sexualität, Emotionen und der offenen Artikulation von beidem ein mutiges Serien(kunst)konzept sehen will, ist bei diesem „Dick“ genau richtig.

Alle Episoden von „I Love Dick“ sind bei Amazon zu sehen.

Text: Alexander Schlicker

Bilder: Amazon

 

 

 

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