Altered Carbon Still

Altered Carbon

Träumen Netflix-User von der Unsterblichkeit?

Was in der Vergangenheit kaum jemand für möglich gehalten hätte, ist in der Gegenwart des Jahres 2018 endlich Wirklichkeit geworden: Es läuft wieder für die Zukunft. Sei es in literarischer Form, wo komplexe Sci-Fi-Entwürfe der Marke „Die drei Sonnen“ Spitzenplätze erklimmen, im Kino, wo sich Denis Villeneuve mit „Arrival“, „Blade Runner 2049“ und bald „Dune“ fast im Alleingang zum Retter visionärer Zukunftsentwürfe aufschwingt oder eben in serieller Form mit Anthologien der Marke „Black Mirror“ und „Philip K. Dicks Electric Dreams“ ebenso, wie mit „Westworld“, „The Expanse“ oder „Star Trek Discovery“. Es dürfte also kaum verwundern, wenn ein großer Player wie Netflix weiter auf kleine und größere Fluchten in ferne zukünftige Welten setzt. Wobei wir uns insbesondere im Fall von „Altered Carbon“ und den wirklich schick daherkommenden Trailern lange nicht sicher sein konnten, was uns hier erwarten würde: Eine auf Serienlänge aufgeblasene „Bright“-Albernheit mit den gleichen Problemen, die „Ghost In The Shell“ zum Totalreinfall hatten werden lassen? Oder eben doch ein vergleichsweise tiefschürfendes Abtauchen in „Blade Runner“-Gefilde mit existentialistischem philosophischem Überbau und sehenswerten Action-Set-Pieces?

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Das alles – und noch viel mehr, wie wir endlich vergleichsweise freudestrahlend verkünden dürfen. Denn die von Laeta Kalogridis geschaffene serielle Adaption des Cyberpunk-Kultromans von Richard K. Morgan sieht nicht nur wirklich fantastisch aus, sie spielt auch mit faszinierenden Ideen – und ist sich gleichzeitig nicht zu schade dafür, das Ganze im Hard-Boiled-Noir-Gewand in Sachen Sex und Gewalt in Dimensionen vorstoßen zu lassen, die – außer vielleicht bei „Westworld“ – nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Letzteres kann man berechnend finden, vielleicht sogar unnötig, es trägt aber nicht unerheblich zum klug austarierten Camp-Appeal bei, wie er Genre-Klassiker der Marke „Total Recall“ oder „Starship Troopers“ immer schon begleitet hat (und wie er im Noir-Kontext ja auch durchaus nicht deplatziert wirkt).

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Im Mittelpunkt der mit erfrischend wenig Erklärung und Exposition auskommenden Zukunftswelt von „Altered Carbon“ steht der intergalaktische Elitesoldat, Söldner und später auch Freiheitskämpfer Takeshi Kovacs, dem im von „Game Of Thrones“-Veteran Miguel Sapochnik inszenierten Piloten ziemlich schnell (und ziemlich spektakulär) der Garaus gemacht wird. Nun ist in dieser fernen Zukunft der physische Tod längst nicht mehr das Ende. In sogenannten Stacks wird im Nackenbereich Wesen, Erinnerung und nichtkörperliche Existenz des Menschen gespeichert. Gewissermaßen als Back-Up, das nach dem Dahinscheiden in sogenannte Sleeves (gerne auch mal identische Klone) wieder hochgeladen werden kann. Auch Takeshi findet sich nach rund 250 Jahren in Abschaltung plötzlich in einem neuen Körper (Joel Kinnaman) wieder. Zur Verfügung gestellt vom Superreichen Laurens Bancroft (James Purefoy), der als sogenannter Meth (abgeleitet von Methusalem) seit Jahrhunderten von einer körperlichen Hülle in die nächste wandert. Will er in seinem neuen „Sleeve“ weiterleben und bald über immensen Reichtum verfügen, muss Takeshi lediglich herausfinden, wer Bancroft unlängst erfolgreich ans Leder (bzw. die körperliche Hülle) wollte. Der Beginn eines eigentlich wunderbar klassischen Whodunnit in schönster Marlow-Tradition – gäbe es da nicht ein paar dramaturgische Verwerfungen, die u. a. mit einer draufgängerischen Polizistin, der als charmanter Sidekick fungierenden künstlichen Intelligenz „Poe“, der undurchsichtigen Vergangenheit Takeshis, mit grausamer virtueller Folter, religiösen Konflikten und weiteren „Segnungen“ futuristischer Entwicklung zu tun haben.

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Als Teil des „Altered Carbon“ zugrunde liegenden „world buildings“ funktioniert all das jedenfalls ziemlich perfekt. Was nicht nur an der starken Besetzung um die beiden Antagonisten Joel Kinnaman und James Purefoy liegt oder am üppigen bpe (budget per episode), sondern auch am leichten Augenzwinkern, das manch überzogen wirkende Gewaltdarstellung begleitet (und entschärft) und dafür sorgt, dass sich dieser Weltenentwurf selbst nie allzu ernst nimmt. Eben ein bisschen so, als wenn sich der Paul Verhoeven der „Total Recall- und „Starship Troopers“-Ära in die seriellen Untiefen des „Blade Runner“-Universums gewagt hätte. Die Beauftragung weiterer Folgeseasons dürfte (auch weil Morgan noch weitere Vorlagen in petto hat) jedenfalls nur eine Frage der Zeit sein.

„Altered Carbon“ steht ab dem 02.02. zum Abruf auf Netflix bereit

Text: Christopher Büchele

Bilder: Netflix

 

 

 

 

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